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Unsere Welt bietet uns unendlich viele Möglichkeiten, sich NICHT mehr mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Die Folge: immer häufiger bekommen der Körper und seine Bewegungsfähigkeit nicht mehr die Aufmerksamkeit die er verdient – und auch die Lebewesen, die uns umgeben, gehen dabei leer aus. Vor allem das Pferd.

Ich selber begleite das Pferd seit über 50 Jahren und wenn man so einen langen Zeitraum überblickt, fallen einem so manche Veränderungen auf. Aber als Bewegungsforscher schaue ich natürlich noch genauer hin. Und gerade in DER BEZIEHUNG zum Pferd fällt mir in den letzten Jahren ein Phänomen auf, das es in diesem Ausmaß in der langen gemeinsamen Geschichte mit dem Pferd, noch nicht gegeben hat.

Ich spreche dabei bewusst nicht von den unverstanden, schlecht behandelten oder sehr schlecht behandelten Pferden, das wäre leider vertraut – die hat es zu allen Zeiten der gemeinsamen Beziehung gegeben – und wird es wahrscheinlich – nochmal leider – in Spitzen auch immer geben. Nein, ich spreche von etwas ganz anderem. Menschen die vor Jahren noch alles für ein eigenes Pferd gemacht hätten, sehen das Pferd nicht mehr als Lebewesen und eigenständiges Körpersystem.

Das Gefühl für den Körper des Pferdes und das Gefühl für seinen eigenen Körper tritt immer mehr in Hintergrund, das feine ausgleichende Verhältnis zwischen Krafttraining und innerer Bewegung wird auf ein paar Variablen reduziert und der Muskelaufbau zum Ausgleich eines Kraftdefizits (wiederholte Kontraktionen isolierter Muskeln) wird als Wunder- und Allheilmittel „verschrieben“.

Dagegen rücken viele andere Dinge in den Vordergrund – z.B. die mentale Verbindung, die sportlichen Ziele, die reiterlichen Wünsche, das Pferd als abgerichtetes Zirkuspferd, als Prüfstein seiner Suche zu sich selbst, als Beziehungsersatz – all das und noch viel mehr. Und alles Dinge, an die sich der Mensch manchmal unverrückbar und undiskutierbar fest klammert, die aber eigentlich erst an dritter, vierter  oder fünfter Stelle in der Rankingliste der Wichtigkeiten für das Pferd stehen müssten oder könnten.

ESSENTIELLE BEWEGUNGEN

Denn an erster Stelle müssen DER KÖRPER, seine Körperlichkeit und seine Bewegungsfähigkeit stehen. Der Körper in seiner ungehinderten Funktionsweise, in seiner Vielfältigkeit und Komplexität und Genetik.  Und der Körper in seiner freien Nutzung der in ihm angelegten Ressourcen und Fähigkeiten. Dazu braucht er Bewegungen, die den Grundplan des Lebensursprungs haben und die Grundkonstruktion des Körperbaus berücksichtigen. Und das ganze Spektrum an „nahrhaften“ Bewegungen, die der Organismus benötigt.

WENIGER TRAINIEREN, BESSER BEWEGEN

Die meisten Menschen wissen sehr wenig darüber wie Bewegung im Pferdekörper wirkt und wie dringend das System Körper Bewegungen für die natürlichen Lebensfunktionen benötigt.  Aber die Notwendigkeit „das Pferd zu bewegen“  leuchtet ein, auch wenn den Reitern erst ganz langsam ins Bewusstsein kommt, dass die Bewegungsweise direkte Auswirkungen auf die Körperform des Pferdes hat und die „geformte“ Körperform dementsprechend auch Auswirkungen auf die Art der Bewegungsfähigkeit des Pferdes hat. Nicht viel anders sieht mit der Bewegungsfähigkeit aus, die der Mensch dem Pferd anbieten kann.

WARUM IST DER MENSCH SO WICHTIG FÜR DAS PFERD

Weil das Pferd erst in der gemeinsamen Verbindung zum Menschen seinen Körper am besten finden kann. Das ist die Wurzel der Gemeinsamkeit, die trotz so vieler Krisen, schon so lange besteht. Aber auch der Mensch findet im Kontakt zum Pferd seine Körperlichkeit am besten. Deshalb auch wurde Reiten lange Zeit als Gesundheitssport angesehen

DIE GEMEINSAME BEZIEHUNG LEBT VON DER GEMEINSAMEN ERFAHRUNG

Eine Aufmerksamkeit dem Pferdekörper gegenüber bedeutet aber noch mehr. Sie ist die primäre Ressource in der Beziehung zwischen Pferd und Mensch, ohne die das Pferd emotional verdorrt und  keine Freude mehr an den gemeinsamen Bewegungen findet. Sicher, dieser Prozess beginnt schleichend und ist anfangs nicht so genau zu sehen. Am Anfang muss man schon genau hinschauen um die Brüche im Körpersystem und die Signale zu erkennen, die sich dann inflationär im Körper verbreiten.

BEWEGUNGEN UNTER EINFLUSS – DAS KONZEPT DES KÜNSTLICHEN

Die deutlichen Zeichen des Körpers zeugen von mangelnder Sensibilität dem Pferd gegenüber, und nicht  von einer vertrauensvollen Beziehung. Wie unwichtig ist es in diesem Moment, ob man „schön“ reitet. In Wirklichkeit denkt der Mensch oft nicht wirklich darüber nach was die Botschaften des Pferdekörpers FÜR DAS PFERD SELBER BEDEUTEN KÖNNTEN. Und welche VIELFÄLTIGEN, verwirrenden Signale er dem Pferd mit einer einzigen Handlung geben kann. An dasselbe Pferd, das in unserer Obhut Nahrung, Sicherheit und Fürsorge erwarten kann – sollte. FÜRSORGE – ein altes Wort, das nichts anderes bedeutet, wie sich um jemand sorgen. Sich Gedanken machen…

BEWEGUNGS-NAHRUNG

Bewegungen lösen eine Kaskade von biochemischen Prozessen im Körper aus, die den physiologischen – also den körperlichen – Zustand verändern. Wenn wir einfach „irgendwie“ den Körper bewegen, also das was wir als Körper sehen – Kopf, Rumpf und Beine – verändern wir genauso „irgendwie“ nicht nur die großen und kleinen Strukturen, die den Körper zusammenhalten, sondern auch die kleinen Zellstrukturen. Der Körper besteht aber in erster Linie aus Organsystemen, die Organe wiederum aus Geweben, die wiederum aus Zellen bestehen.

Die Biomotorik ist kein Plädoyer für einen Körper in Bestform – denn diese Suche ist vergeblich. Aber die Art wie sich das Pferd bei seiner Bewegung fühlt ist entscheidend. Das Schicksal des Pferdes liegt sprichwörtlich in unseren Händen. Wir können die angelegten Bewegungsmuster im Pferd nicht verändern – aber UNSERE Handlungen und unsere Bewegungen beeinflussen, wie der Bewegungscode des Pferdes vom Körper gelesen wird. Die Natur denkt nicht in Muskeln und nicht in Verhaltensweisen –  sondern in Wirbeln und Bewegungsweisen.

Das BewegungsLernen geht den biomotorischen Weg – das heißt, der Körper wird nicht in Verhaltensweisen gedrängt, die viel zu leicht Verhaltenskrankheiten erzeugen, sondern wird zu sich zurück geführt, damit jeder Körper wieder selber Herr ist über seine eigene Biomotorik.

BIOMOTORIK IST DIE AUFMERKSAMKEIT DEM KÖRPER GEGENÜBER

Biomotorik bedeutet nichts anderes als die Aufmerksamkeit auf die Vorgänge IM Körper zu lenken und wieder zurückzuführen. Biomotorik ist die Aufmerksamkeit über den eigenen Körper, aber auch für die Vorgänge im Körper eines anderen Lebewesens, wie zum Beispiel den des Pferdes. Und,  Biomotorik ist die Fähigkeit des Körpers, sich in den wesentlichen, angelegten Bewegungsbedürfnissen wahrzunehmen, selber zu reflektieren und auf harmonische Weise selber für ihre Befriedigung  sorgen zu können.

Die Biomotorik ist die Basis für alles was das Leben ausmacht: es ist Leben bis in die Zellen hinein. Innere Bewegungen zu entwickeln ist ohne eigenes Bewegungserleben, ohne körperliche Eigenwahrnehmung und ohne die Aufmerksamkeit zu den Vorgängen seines eigenen Körpers schlichtweg nicht möglich. Wie will der Körper steuern, was er nicht, oder nur unzureichend kennt.

Und, Biomotorik muss die „Grundausstattung“ des Körpers – seine Sensibilität berücksichtigen. Es muss mit den Nervensystemen, die Steuerungszentralen und Leitbahnen des Pferdes miteinbeziehen, die die Sinnesreize aufnehmen und weiterleiten können, damit sie in Lichtgeschwindigkeit Kommandos an die Muskeln weitergeben können.