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Warum eigentlich muss ein Pferd etwas lernen?

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Das Pferd ist so schön, es ist als Lebewesen nahezu perfekt, dieses freie und stolze, furchtsame und scheue, herrische und doch zutrauliche Wesen und wir – der Mensch, haben uns so wie es ist in das Pferd verliebt, mit seinen weichen, federnden Tritten in freier ungehemmter Bewegung.
Warum eigentlich muss das Pferd dann etwas zusätzlich erlernen, warum bilden wir es aus, warum trainieren, dressieren und erziehen wir es? Und wieso glaubt der Mensch, er könnte dem Pferd seinen eigenen Körper und seine Funktionen besser erklären wie der Pferdekörper selber mit seinen angeborenen Funktionen es tun kann?
Warum nehmen wir ihm alle natürlichen Bewegungsanreize und lassen das Pferd stattdessen künstliche Bewegungen erlernen, bei denen sich der Mensch einredet, dass sie „besser“ für das Pferd sind. Besser für wen?
Für das Pferd? für den Menschen? Oder will sich der Mensch damit einfach nur der Umgang mit dem Pferd erleichtern?

Nun, es gibt zwei Gründe warum ein so harmonisches Lebewesen wie das Pferd etwas erlernen sollte:

Der eine Grund ist: der Mensch möchte es…
Warum auch immer.

Grund I
Die Bedürfnisse des Pferdes standen für den Menschen im Laufe der vielen Reitjahrhunderte selten im Vordergrund – das Pferd war deshalb immer ein Spiegelbild der jeweiligen Epoche, seiner Nutzung und des Anspruches an das Pferd. Das Pferd musste sich an die Wünsche des Menschen anpassen – und wenn wir ehrlich sind, schonend ist der Mensch mit seinem „Freund“ nur dann umgegangen, wenn er ihn so lange wie möglich erhalten wollte, wenn er ihn gebraucht hat.

Sicherlich gab es Ausnahmen – die gibt es immer. Dazu eine kleine Anekdote, die ich in dem Buch „das Pferd“ aufgelesen habe. Es sagte einmal ein Araberscheich zu einem Engländer, der sich für seine Pferde interessierte:“Ihr Europäer behandelt den Hund als euren Freund und das Pferd als euren Sklaven. Bei uns Arabern ist das umgekehrt..“.

Wie auch immer – aber der Mensch beherrscht das Pferd eben gerne mit seiner „Erziehung“ – nicht nur im Sport, auch im Spiel. Und das, obwohl wir genau wissen, dass wenn wir das Pferd auch nur kurze Zeit sich selbst überlassen, die Urnatur wiederkehrt, und die ganzen künstlichen Bewegungen wegwischen. Ihren Auswirkungen im Organismus des Pferdekörpers bleiben allerdings.

Gewohnte Bewegungen, die sich das Pferd „angewöhnt“ hat, machen dem Menschen bei der Erziehung einen Strich durch die Rechnung (deshalb „erziehen“ viele Reiter die Pferde schon so jung). Aber gewohnte Bewegungsmuster kann man nicht einfach abschalten. Also muss man die unerwünschten Bewegungsmuster verändern und den Körper dazu trainieren, dass er die „neuen“ künstlichen Bewegungen bei sich „behält“.

Dieses „Behalten“ entsteht durch Muskeln – die man über Krafttraining quasi zum Beibehalten der neuen Bewegungen zwingt. Deshalb besteht ein traditionelles Training zum großen Teil in der Gewöhnung an Bewegungsabläufe und das Prägen von Gewohnheiten. Das Leben eines Pferdes gründet sich so, oft auf einem Fundament von eingeprägten Gewohnheiten. Gut für den Menschen, denn Gewohnheiten machen kalkulierbar und auch manipulierbar. Das trifft sich wirklich gut, denn der Mensch fühlt sich ja gern als der Herrscher über die Bewegungen des Pferdes.

So vertraut die gewohnten Bewegungsmuster dem Pferd sind, sie bremsen das Pferd in seiner Bewegungsentwicklung aus. Das hat damit zu tun, das diese Bewegungen in der Willkürmotorik, der willentlich gesteuerten Bewegung, zu Hause sind. Die Muskeln führen – ohne zu hinterfragen ob das gut für den Körper ist – eben das aus, was sie gewohnt sind.

Wenn es mit der „Ausbildung“ gut läuft, gibt es nichts Zuverlässigeres als eine Gewohnheit – so entsteht ein Pferd, das BRAV seine Runden dreht – und egal mit wem – seinen Weg geht. Wenn es aber schlecht läuft, können die Gewohnheiten den Körper des Pferdes schwer beeinträchtigen. Weil der Schaden im Körper – die Ausweichmuskulaturen, die Spannungen und Verspannungen und das unkoordinierte Funktionieren des Organismus, den Nutzen der zuverlässigen Nutzung des Pferdes zunichte macht – weil sie also stören,  werden wir uns der Gewohnheiten des Pferdes bewusst.

Grund II

Trotzdem unterwirft sich das Pferd  uns immer wieder – es bleibt freiwillig bei uns und sucht unsere Gesellschaft. Denn wir KÖNNTEN ihm DAS bieten, was das Pferd selber allein ohne die Umweltanreize der bunten, vielfältigen Natur nicht hinkriegt – seine Bewegungsentwicklung. Und  weil DAS PFERD etwas lernen möchte, hat das etwas mit dem zweiten Grund zu tun…

Will man das Bewegungsmuster, und damit auch das Verhaltensmuster des Pferdes verändern, muss man gewohnte Bewegungen durch neue ersetzen. Der zweite Grund ist damit die große Chance von uns Menschen, denn damit machen wir unseren massiven Eingriff in die Pferdewelt ein kleines bisschen entschuldbar. Wir können dem Pferd etwas bieten, was sogar die Natur nicht kann. Wir können dem Pferd eine gleichbleibende, kontinuierliche Entwicklung seines Wesens bieten – ohne die Unsicherheiten und Gefahren, die Pferde in der Natur ausgesetzt sind.

Das Erleben und Erfahren von Bewegungen findet weder nur im Kopf noch nur im Körper statt. Vielmehr ist das Lernen von Bewegungen vom den Anfängen als Fohlen bis hinein ins Alter des Pferdes ein Prozess, gesteuert vom unwillkürlichen Nervensystem.  Die Informationen dazu kommen aus den Tiefen des Gehirnes, in den evolutionsgeschichtlich uralten Arealen, die das arttypische Bewegungsverhalten des Pferdes lenken.

Die SINNESORGANE  des Pferdes füttern diesen Teil des Gehirnes mit Informationen aus der Umwelt. Und wir wiederum können die Sinnesorgane füttern – mit vielen Bewegungsanreizen und –Vielfalten – so konsequent wie es die Natur nicht tun könnte. Denn in der Natur ist das Pferd mit was anderem beschäftigt als mit der Selbstfindung seines Körpers.

Auf diese Bewegungsanreize können wir uns stützen, wenn wir im Bewegungsaufbau dem Pferd nach seinem Bedürfnis nach Bewegung nachkommen. „Rein zufällig“ fördern wir damit DIE Bewegungen, die wir als Mensch zum Reiten haben möchten – aber immer im Einverständnis mit dem Pferdekörper und mit der Verknüpfung des Organismus.

Das Pferd braucht Bewegungen

Das Pferd braucht Bewegungen – und wir Menschen geben sie ihm – ihn einer bunten, lebhaften, spielerischen Vielfalt – dadurch regen wir nicht nur die Körperfunktionen an, sondern auch das Wachstums des Gehirnes des Pferdes – seinen Zugriff auf seine Sinnesorgane und seine Konzentration im gemeinsamen Zusammenspiel mit dem Mensch. Alle Strukturen des Pferdekörpers sind eng mit den Bewegungsabläufen verknüpft und werden durch unsere gemeinsamen Bewegungsunternehmungen ständig weiterentwickelt.

Wir können das Pferd mit seiner eigenen Bewegungsentwicklung  fördern– also mit der Weiterentwicklung seiner natürlichen, artspezifischen, angeborenen Bewegungen. Jedes Lebewesen, dass mit reichlich Sinnen ausgestattet ist, möchte die anwenden – es möchte „weiter kommen“, schneller sein als das andere Pferd und – die Bewegungsbefriedigung über seinen eigenen Körper genießen – diese Art von Befriedigung, die wir nach einer grandiosen Joggingrunde empfinden. Dafür braucht das Pferd eigentlich kein Lob von außen, es fühlt sich einfach gut „in seiner Haut“ – was aber auch bedeutet, dass alles im Körper in einem einzigartigen Zusammenspiel ist.

Alles ist wirklich eine Art Spiel, das Pferd probiert es, es klappt, das Pferd freut sich darüber und wiederholt es in ähnlichen Situationen. Das ist der Grundsatz des Bewegungslernens – im Biomotorischen Training ersetzen wir gewohnte, „eingefleischte“ Bewegungen mit neuen Bewegungsmustern, die sowieso im Körper angelegt sind – gewohnte Bewegungsprozesse der Muskulatur dagegen sind viel zu langsam und fördern weder Sinne noch individuelle Eigenschaften heraus.

In den Biomotorischen Trainingsseminaren lernen Sie dem Pferd das Beste von beiden „Gründen“ zu geben. Wir können dem Pferd durch uns, das Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit geben – beide sind  Urbedürfnisse des Pferdes. Dazu muss das Pferd aber seinen Körper wahr nehmen können, seine Bewegungen erfahren und selber erleben dürfen. Das wiederum schafft die Biomotorik – die Eigenwahrnehmung des Körpers.

Das Pferd kann sich damit einen Fundus an Bewegungsmöglichkeiten aufbauen, es schöpft damit sein volles Potenzial und enorme Kapazität seines Körpers aus.
Sie sehen was für eine Rolle Bewegung und Spiel bei der Aktivierung der Sinne des Pferdes haben. Bewegung als Spiel können grundlegende Verbesserungen im Organismus des Pferdes herbeiführen – also die positive Wirkung nicht nur  bezogen auf seine Gänge und Bewegungen sondern auf Gesundheit und ein funktionierendes Immunsystem. Also Bewegungen, die ein mit so vielen Sinnen ausgestattetes Wesen wie das Pferd weiterbringt und innerlich befriedigt.

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