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Reiten mit der Natur oder Reiten mit Zwang – die Unterschiede der Ausbildungen

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Während der Ausbildung eines Pferdes zum Reitpferd, entsteht der prägende Rahmen zum Reiten des Pferdes. Ausbildungsblickwinkel und Methoden dafür gibt es wie Sand am Meer. Die weitaus überwiegende Zahl der „Pferdeerziehungen“ kümmert sich allerdings um die Ausführung der Reithandlungen.

Unter der Vielzahl der Ausbildungen nimmt deshalb das biomotorische Reiten eine Sonderfunktion ein, denn das biomotorische Reiten startet mit der Fortführung des natürlichen Bewegungsverhaltens des Pferdes, auch neben dem Menschen, im biomotorischen Training. Beim Reiten selber, wird dann zuerst der Reiter in sein natürliches Bewegungsverhalten zurückgebracht, um das Pferd in seinen Bewegungen nicht zu stören oder zu behindern und aber für das Pferd einfach lesbar zu werden. Das Ziel ist dabei, die vielfältigen und feinen Sinne des Pferdes zu schärfen und nicht zu unterdrücken – so wird auch der im Pferd genetisch angelegte Sinn weiterentwickelt – der Gemeinschaftssinn.

Um aber jede Ausbildungsmethode für sich stehen lassen zu können, schaut man sich am besten an welch unterschiedlichen „Ziele“ die jeweiligen Ausbildungen haben, was man vom Pferd dabei erwartet und verlangt und wie man diese Erwartung letztendlich erfüllt. Jeder Zeitabschnitt hat dabei besondere von Moden abhängige Normvorstellungen an das Pferd hervorgebracht, die in dieser Zeit bevorzugt ausgebildet wurden.

Da die „Modetrends der Reiterei“ immer in die Ausbildung des Reitpferdes einfließen, ist die Art der Formung des Pferdes in gewisser Hinsicht auch ein Spiegel der Gesellschaft. Wie der Reiter auf Einhaltung von Regeln besteht, auf welche Art und Weise der Mensch es beim Pferd durchsetzt, oder auf die Bedürfnisse des Pferdes eingeht, können wir dadurch sehr gut unterscheiden. Dabei muss man sich immer wieder die Frage stellen, wie sinnvoll eine militärisch geprägte Ausbildung, oder eine Ausbildung des 17. Jahrhunderts für die Bedürfnisse des Pferdes von heute ist.

Wir können vier grobe Unterscheidungen machen:

1. Die dominante Ausbildung
Durch Druck(auch körperlichen), Zwang (Hilfsmittel – Schlaufzügel etc) und starke Kontrolle wird das Pferd vom Menschen zu so einem absolutem Gehorsam „erzogen“, der keinen Platz mehr für die Eigenwahrnehmung oder selbstständige Bewegungen des Pferdes zulässt. Falls das Pferd einen „Fehler“ begeht und gegen reiterliche „Regeln“ verstößt, wird das Pferd hart mit der Hand oder dem Bein des Reiters „bestraft“.

Genauso wird es auch zu einem „Nachgeben“, (in dem Fall eine Ermüdungserscheinung des Genicks) mittels eines ausgeklügelten „Belohnungssystems“ der Hand und der Beine des Reiters gezwungen. Ein „Nicht können“ oder „noch-nicht-so weit-sein“ des Pferdes, wird nicht toleriert – ein „Widerstand“ des Pferdes bekämpft. Das Wir-Gefühl mit dem Reiter oder eine Gemeinsamkeit wird dabei logischerweise nicht gefördert.

Dies führt beim Pferd zu einer Abhängigkeit, zu einem schwachen Selbstvertrauen und zu Unselbstständigkeit, die der dominante Reiter für seine Machtausübung braucht.
Die dominante Ausbildung – obwohl sie den militärischen Ansprüchen an das Pferd entspringt – die sicher zu dieser Zeit Sinn gemacht hat, wird auch heute noch sehr häufig praktiziert. Welche körperlichen Folgen dieser Ausbildungsstil beim Pferd heute hinterlässt, veranschaulicht ein Blick in die Pferdekliniken.

2. Der autoritäre Ausbildung
Diese Ausbildung definiert sich darüber, dass sie im Pferd ein Gleichgewicht erzeugen will. Auch dabei wird das Pferd stark kontrolliert und darauf geachtet, dass reiterliche Regeln und Grenzen genau befolgt werden.

Die reiterlichen Regeln werden konsequent durchgesetzt, aber nicht wie in der dominanten Ausbildung einfach aufgezwängt, sondern dem Pferdkörper durch Bodenarbeit, Longieren und Training „erklärt“, sodass das Pferd es besser nachvollziehen kann. Bei diesem Ausbildungsstil fordert der Mensch durch Regeln ein „angemessenes Verhalten“ des Pferdes, setzt dies aber nicht mit Härte durch, sondern mit mechanischen „Hilfen“. „Gutes Verhalten“ wird mit viel Lob bedacht.

Der Mensch formt damit ein Pferd, das die Aufgaben des Menschen erfüllen kann. Die Betonung liegt auf den körperlichen Schwächen des Pferdes, die gestärkt werden sollen. In Wiederholungen und Lektionen werden Willkürmuskeln trainiert und umtrainiert, um damit künstliche, imitierte Muskeln aufzubauen, die das Pferd zu reiterlichen Leistungen befähigen soll.

Das Motto der autoritären Reiterei ist das „Ich sage – du tust“. Dabei wird die Beziehung zum Pferd völlig ausgeklammert. Deshalb entsteht dabei während des Reitens ein deutliches Machtgefälle vom Menschen zum Pferd, das sich im alltäglichen Umgang mit dem Pferd aber wandelt. Auch der körperliche Aspekt des Reiters ist bei der autoritären Ausbildung nicht von Bedeutung. Wie das Pferd auch wird der Körper des Reiters auch in künstlichen „Sitzhaltungsschulungen“ trainiert und von entsprechenden Sätteln dabei unterstützt. Eigenbewegungen sind so nicht mehr möglich, allerdings bei diesem Ausbildungsstil auch nicht gefragt.

Wenn die Eigenwahrnehmung nicht in die körperliche Weiterentwicklung integriert wird, kann die Stagnation der Bewegungsentwicklung zu einer Bewegungsdepression des Pferdes führen. Das Pferd äußert das in einer Resignation(so ein braves Pferd), einer Verhaltensstörung und kann – sei es offen oder verdeckt, zu einem Widerstand gegenüber dem Menschen oder auch anderen Pferden gegenüber führen.

3. Die Laissez-faire Ausbildung
Die Laissez-faire Ausbildung erinnert an die antiautoritäre Kindererziehung und entwickelte sich als Gegenreaktion auf den dominanten Ausbildungsstil. Das Pferd, Pferd sein zu lassen, ist der Versuch alles wegzulassen und zu sehen, was passiert. Eine „freie“ Entfaltung des Pferdes ohne Gebiss, ohne Sattel ohne reiten und mit vielen Spielen, bei denen der Mensch mit dem Pferd „spielt“, entwickelte sich. Die „Natürlichkeit“ des Pferdes soll dabei erreicht werden, ohne das Pferd dem Menschen dabei unterzuordnen.

Ein Merkmal dieser Ausbildung ist der Mensch, der sich mit seinem Körper zurückhält und sich nicht mit beteiligt oder höchstens mit einer „Körpersprache“ bei der der Mensch versucht mit dem Pferd in ein einseitiges „Gespräch“ zu kommen. Das kommt der heutigen Bewegungslosigkeit des Menschen sehr entgegen, ist aber für das Pferd äußerst irritierend und so gar nicht natürlich. Der Mensch entwickelt keine Eigeninitiative und keine Eigenwahrnehmung in der Mensch-Pferd Beziehung, und ist somit für das Pferd extrem schlecht lesbar.

Obwohl sich der Mensch dem Pferd gegenüber sehr freundlich und oft sogar liebevoll verhält, zeigt er sich körperlich generell als passiv. Da er nur geringfügig in die Bewegungsentwicklung des Pferdes eingreift, kann das natürlich auch vom Pferd als Desinteresse interpretiert werden. Denn für das Pferd ist die Bewegungsentwicklung die Grundlage seines Seins, um fortpflanzungsfähig und überlebensfähig zu sein. Wenn der Mensch dann aktiv wird, beschränkt er sich auf sehr kleine Vorgaben, an denen sich das Pferd schlecht orientieren kann.

Das Pferd ist sich zwar nicht gänzlich sich selbst überlassen, kann aber vom Menschen nur eine minimale Unterstützung und eher bezüglich seiner Unterbringung erwarten. Das eher passive Verhalten des Menschen charakterisiert diese Ausbildung die keine echte Beziehungskultur fördert – der Mangel an einen Rahmen, an den sich das Pferd orientieren kann, führt beim Pferd zu einer chronischen Unterforderung( von der man annimmt, das die Auswirkung im Körper schlimmer sind wie bei einer Überforderung – da die ganzen Organsysteme zum Erliegen kommen), fehlendem Selbstbewusstsein, bis hin zu einer stagnierenden Bewegungsentwicklung und im Körper steckenbleibenden Bewegungen.

Heute weiß man, das eine freie Bewegungsentwicklung wichtig für das Pferd sind, aber ebenso wichtig um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen sind die Regeln und Grenzen die das Pferd wie in seiner sehr hierarchisch geführten Herde einhalten muss, um sich zu orientieren zu können. Das Pferd ist ein klassischer Teamplayer, es will nicht über seinen Körper selbst bestimmen, aber es will mitbestimmen. Das gewährleistet in hohem Maße die Gemeinsamkeit der Herde.

Die Herde funktioniert nur als starker Verband wenn die starken Fähigkeiten des einen Tieres, die schwachen Fähigkeiten des anderen unterstützen. Daher ist es genetisch im Pferd angelegt, dass jeder einzelne in seinen Stärken immer besser wird – damit diese Fähigkeit dem Verbund der Herde zur Verfügung stehen – denn nur das stärkt die Gemeinschaft der Herde. Das Pferd hat im Verlauf der Jahrhunderte dadurch einen ausgeprägten familiären Gemeinschaftssinn entwickelt – in den der Mensch einsteigen sollte.

4. Die Ausbildung des Pferdes zum Biomotorischen Reiten
Durch das Biomotorischen Reiten kann das Pferd die Bewegungen des Menschen erfassen und sie in eine gemeinsame Bewegungssprache übersetzen.
Der Pferdekörper kann weder gezwungen noch vernachlässigt werden, weder geformt noch manipuliert werden, ohne körperliche Folgeerscheinungen zu haben, und jede handgreifliche Anweisung des Reiters dazu, beeinflusst das Bewegungsverhalten des Pferdes. Um die Bewegungsentwicklung des Pferdes im natürlichen Bewegungsverhalten zu fördern ist ein hohes Maß an Unterstützung des Menschen innerhalb der Mensch-Pferd Beziehung wichtig. Und der Mensch kommt erst mit seiner Eigenwahrnehmung, der Biomotorik, in einer selbstständigen Kontaktfähigkeit, hin zur tiefen Verbundenheit mit dem Pferd.

Dem biomotorischen Reiten geht es deshalb darum, dem Pferdekörper über den Körpers des Menschen, Bewegungsinformationen zu geben, die das Pferd in seine Bewegungen integrieren kann, um „intelligente“ Muskeln, das heißt verbindende Muskeln aufzubauen. Das Bewegungslernen beschäftigt sich deshalb vorrangig mit den Bewegungen des Menschen, wie sie beim Pferd ankommen und was sie beim Pferd erzeugen, unabhängig von traditionellen und historischen reiterlichen Ausbildungsformen bei der der Pferdkörper vom Menschen geformt wird, und bei der beim Pferd eine Willkürmotorik entsteht.

Dieser Ausbildungsstil unterscheidet sich von allen anderen Ausbildungsstilen durch die besonders hohe Kommunikationsbereitschaft des Menschen bis hin zum Aufbau einer Beziehungskultur. Mensch und Pferd sehen sich als GEMEINSAM. Dieses „Wir-Gefühl“ erzeugt im Pferd ein gemeinsames Ziel, bei dem der Gemeinschaftssinn – wie beschrieben ein evolutionäres Grundbedürfnis – geschärft wird, und mit dem die anderen Sinne des Pferdes freigeschaltet werden.

Die körperliche Ausbildung beginnt mit einem Bewegungsprozess im natürlichen Bewegungsverhalten des Pferdes. Der Mensch versteht sich als Partner und deshalb wird auch das natürliche Bewegungsverhalten des Menschen zum elementaren Teil. Statt Lob und Tadel tritt die gemeinsame Freude. Körperliche Probleme des Pferdes werden mit Umlenkmöglichkeiten und Aufmerksamkeitsverschiebungen reguliert (die Energie folgt der Aufmerksamkeit)

Das Biomotorische Reiten drückt sich wir über den Körper aus. Ein Festhalten- oder sogar Festmachen hat da keinen Platz. Ein Stabilisieren schon gar nicht – denn unsere Lesbarkeit für das Pferd ist gefragt. Das Ziel des BewegungsLernens ist die bessere Lesbarkeit unseres Körpers für das Pferd. Dass sich auch der Mensch dabei besser in seinem Körper fühlt, ist eigentlich ein „positiver Nebeneffekt“.

Das BewegungsLernen befasst sich vorrangig mit dem Körper des Menschen um ihn in seiner Eigenwahrnehmung – seiner Biomotorik zu bewegen, damit kurbelt es auch beim Menschen den Prozess der Bewegungsentwicklung an, um sich im urteilslosen und bewertungsfreien Bewegungsfluss – ohne Anstrengung – treiben zu lassen. Ohne Anstrengung heißt allerdings nicht, dass wir nichts dafür tun müssen – aufmerksam auf die Signale des Pferdes zu werden und selbstständig und präsent mit seinem Körper zu sein, ist eine der größten Herausforderungen für den Menschen.

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