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Die wichtigsten Erkenntnisse der letzten Zeit für Bewegungstrainings sind, dass die eigenen Bewegungsmöglichkeiten, die ein Körper hat, schon im Mutterleib stattfinden. Da der Körper in dieser pränatalen Entwicklungsstufe die Bewegung aber logischerweise noch nicht ausführen kann, spricht man eher von Reflexen. Auch in der nächsten Entwicklungsstufe, die mit der Geburt des Pferdes erreicht ist, ist der Pferdekörper noch nicht voll verfügbar – er muss sich ja noch entwickeln – aber dafür hat er seine Sinne und seine Wahrnehmung.

BEWEGUNGEN WERDEN WAHR
Bewegungen  beginnen immer mit Sinneseindrücken  und entstehen aus einem wechselseitigen Austausch zwischen dem Körper und der Welt, die ihn umgibt. Die Bewegungen des Pferdekörpers müssen durch Sinneseindrücke stimuliert werden, um das lebenswichtige Körpergefühl zu entwickeln, damit sich das kleine Pferd irgendwann in die Welt hinauswagen, sie entdecken – und auch mit der Welt in Austausch treten kann.

Deshalb gibt es kaum etwas Schlimmeres für das kleine Pferd, als KEINE – oder wenig Reize zu empfangen, denn damit steht seine körperliche Entwicklung auf dem Spiel, die es erst überlebensfähig macht. Es braucht seine Sinneswahrnehmungen, die im Stammhirn ankommen um mit Primitivreflexen seine Ur-Bewegungen und Primärbewegungen auszulösen – die „Stammväter“ für alle späteren Bewegungen. Damit erwirbt das Pferd auch die Anpassungsfähigkeit, die ihm das Überleben in den unterschiedlichsten Gebieten unter den verschiedensten Bedingungen sichert – und damit leider in einer reizarmen Umwelt auch zum größten Problem wird.

DAS SPIELEN ALS ENTWICKLUNGSHELFER
Viele Lernvorgänge, ausgelöst durch die Sinneswahrnehmungen stehen dem Fohlen nun bevor. Die Umwelt gibt Signale, aber was bedeuten sie? Das Pferd lernt in dieser Phase der frühen Entwicklung, Signale zu unterscheiden. Die Stimulation dazu bekommt das Fohlen durch die spontanen, spielerischen, dynamischen und seinem Entwicklungsalter angepassten Bewegungen, die das Wachsen von Nervenzellen und Nervennetzen anregen. Das „Spielangebot“ seiner Umwelt fordert neue Erfahrungen und neues Erleben.

Das Pferd bekommt zwar Millionen von angeborenen Bewegungsmöglichkeiten bei seiner Geburt „bereitgestellt“ –  speziell für diesen einen Körper – mit seinen  Knochenabmaßen, die so individuell sind wie Fingerabdrücke, aber welche Bewegungen das Pferd in der nächsten Zeit ausführen wird,  darüber entscheiden die durch die Sinneseindrücke und Sinneswahrnehmungen angeforderten Primitivreflexe und Primären Bewegungen.

ZUFALL UND „ORDNUNG“ IM KÖRPER – DER LERN-UND ENTWICKLUNGSPROZESS
In der nächsten Entwicklungsphase lernt das Pferd seinen Körper zu bewegen und es entdeckt den Effekt und die Wirkungen dieser Bewegungen auf den Körper. Anfangs agieren alle Beine gleichzeitig und gleichen einer Marionette bei der sich alles zusammen bewegt. Die Selbstständigkeit der Bewegungen, das Differenzieren der Gliedmaßen wird erst nach und nach erreicht. Dazu ist Übung und ganz viel Spielen und Herumtoben nötig.

WIE DAS AUGE DEN KÖRPER LENKT – KÖRPERBEHERRSCHUNG UND KOORDINATIONSVERMÖGEN
Wenn das Pferd zu Beginn seiner körperlichen Entwicklung alle Beine gemeinsam bewegt, lernt es nun die Bewegungen zu trennen und zu unterscheiden. Der Körper folgt nun dem Auge. Bewegen sich die Augen bzw. nach links, folgt zuerst der Kopf, dann dreht sich der Nacken, dann der Körper. Schließlich verlagert sich das Gewicht durch den immer feiner werdenden Gleichgewichtssinn immer besser und das Pferd kann sich differenzierter und koordinierter bewegen. Kann der Kopf  sich aber nicht mit den Augen bewegen (weil er zum Beispiel festgehalten ist!) macht sich diese Hemmung an der Nackenmuskulatur bemerkbar.

STAMMHIRN FÜR BEWEGUNGEN UND DAS LIMBISCHE SYSTEM FÜR DAS KÖRPERGEFÜHL
Zu den Bewegungen die im Stammhirn stattfinden und für eine gesunde Entwicklung braucht das Pferd aber auch sein Limbisches System, in dem es seine wachsenden Bewegungen wahrnimmt, sein Körpergefühl und Emotionen empfindet – in dem z.B. die Beruhigungen der Mutterstute ankommen, wenn das Fohlen in Aufregung oder Stress gerät und die es Sicherheit und Vertrauen spüren lassen – denn für die Ur-Empfindungen ist das Limbische System zuständig. Die wichtigste Aufgabe dieses Gehirnareals besteht deshalb in der Steuerung des Körpergefühls in Verknüpfung mit den Bewegungen des Stammhirnes.

BEWEGUNG DARF KEIN „AUTOMATISIERTER“ PROZESS SEIN
Wie es dann mit dem kleinen Körper weitergeht, mit der Motorik und den Bewegungen des Körpers hängen von den Umweltbedingungen ab, in denen es aufwächst, denn die Sinneseindrücke und Wahrnehmungen mit denen das Pferd „seine“ Welt sieht, prägen und formen den Körper. Dadurch kann man dem Körper auch später jederzeit ansehen, wie er sich bewegt – oder auch wie sich das Pferd in der ersten Zeit seines Lebens bewegt hat. Denn das alles bietet die Grundlage für weitere Bewegungen.

VERTRAUEN UND SICHERHEIT ENTSTEHT – DAS WOHLFÜHLEN VERBINDET SICH MIT BEWEGUNGEN
Aus dieser Kombination entsteht das Pferd, wie es später einmal sein wird, deshalb sind die ersten Jahre des Pferdes auch so wichtig und prägend für die Bewegungen des Pferdes. WIE wichtig die Bewegungsverarbeitung der ersten Zeit ist, sieht man wenn das Pferd z.B. sein Leben lang davor Angst hat, seine Umgebung zu erkunden, oder auch in vertrauten Situationen zu Überreaktionen neigt, ein schwieriges Sozialverhalten zeigt, sich unsicher bewegt, oder eben auch der fast magische Ausdruck, den ein Pferd haben kann, die Anmut von kraftvollen Bewegungen, die Bewegungsfähigkeit usw. – das alles beginnt sich in dieser Zeit durch die herauszubilden.

FAZIT:

Wir dürfen dem Pferd die „Verantwortung“ für seinen Körper nicht nehmen. Es ist immer noch sein Körper! Wir können den Pferdekörper aber mit allem was uns zur Verfügung steht, dabei unterstützen, dass er seine Entwicklungsphasen so optimal wie möglich durchlaufen kann.

Die meisten Pferde müssen aber ihre Bewegungen durch mehr oder weniger eifriges Üben und Wiederholen mit dem Menschen erlernen, so wie der Mensch das Autofahren durch praktisches Üben erlernt. Das Pferd bekommt dadurch die größten Schwierigkeiten mit seinem Körper, weil es seinen Körper nicht lernt zu koordinieren, und die „Ordnung“ seines Körpers in den Entwicklungsstufen nicht selber herstellen lernt. Es überspringt damit viele kleine, aber ganz wichtige Entwicklungsstufen seines Körpers und kommt damit gar nicht auf die Stufe des intuitiven, biomotorischen Bewegens.

DAS BIOMOTORISCHE TRAINING

Im Biomotorischen Training nehmen wir genau diese Entwicklungsphasen in die Körperprozesse auf wie zum Beispiel mit den Fohlenspielen zur Koordination. Das Pferd durchläuft mit den biomotorischen Übungen die optimalsten Bedingungen, die den Körper prägen können, ihn aber auch aus seinen Bewegungseinschränkungen herausholen –  und den Organismus, Atmung und Herztätigkeit regulieren –  können.