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WIE IHRE UNBEWUSSTEN BEWEGUNGEN IHR REITEN BEEINFLUSSEN

  1. DAS KÖRPERGEFÜHL ZUM REITEN

Die Evolution hat Großes geleistet,  um uns zum Menschen zu machen. Und obwohl der menschliche Körper eine Vielzahl von Positionen, Formen und Haltungen annehmen und antrainieren kann, hat unsere Bewegungsentwicklung trotzdem die Spuren und die Funktionsweise des alten Systems, in unserem Gehirn hinterlassen. Die wirklich qualitätsvollen, unbewussten, reaktiven Bewegungen des zentralen Nervensystems, die im Hintergrund ablaufen, geschehen deshalb nach wie vor in unseren tiefen Hirnregionen, und ohne dass wir uns dessen manchmal bewusst sind.

Was sie nicht fühlen, können Sie nicht kontrollieren

Die Hauptaufgabe unseres Gehirns ist es unser Überleben zu sichern. Unserer Willkürmotorik steht deshalb ein auf Sicherheit gepolter Organismus gegenüber, der oft völlig anderer Meinung darüber ist wie wir, wie wir uns bewegen sollten. Irgendwelche Ziele, Vorgaben oder Haltungen zu erreichen, stehen nämlich nicht auf der Prioritätenliste unseres Gehirns. Deshalb sind wir immer nur so bewegungsfähig, wie sich unser Gehirn sicher fühlt. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Qualität unserer Bewegungen von den angeborenen Bewegungsmöglichkeiten und einer sehr großen Auswahl an Bewegungsvielfalten abhängt.

Die Körperschulung vervielfältigt ihre unbewussten Körperbewegungen.

Wie präzise, kräftig, feinmotorisch, bewegungsfähig oder koordiniert ihr Körper Bewegungen ausführen kann, ist von der Qualität der Informationen abhängig, die in die Bewegungsarealen im Gehirn gelangen. Und davon, wie gut sie dort interpretiert und in Bewegungen umgesetzt werden können. Je Bewegungsfähiger ihr Körper ist, desto mehr Informationen kommen an die, an der Bewegungsausführung beteiligten Strukturen im Körper an (ganz wichtig sind dabei die Sehnen!) und werden neuronal vorbereitet. Und erst ganz zum Schluss kommt die Kommunikation mit den Muskeln.

Außer – sie trainieren und stärken gleich das Endprodukt „Muskeln“. Dann allerdings lassen Sie die Nervensysteme und das Körperkonzept links liegen und bauen eben nur Muskeln auf. Mit dem fragwürdigen Erfolg, dass sie zwar kurzzeitig stärker werden, aber alle Fehlstellungen im Körper einbinden – denn die großflächigen, sichtbaren Muskeln sind nur die Verpackung – und das Sehnensystem liegt unbeteiligt darunter.

Mit dem mangelnden Einsatz der Sehnen schrumpft alles: die Aufrichtung, die Haut, die Leit- und Fühlfähigkeit der Nerven, die Empfindungen der Sinne und die Reaktionsfähigkeit. Nur eines wird mehr – die Ausweichmuskulaturen und die „sinnlose“ Körperverpackung um die ausführenden Gliedmaßen und den Rumpf herum.

Die Körperschulung zeigt ihnen, welche Vorteile sie davon haben, wenn Sie das Stammhirn, das limbische System und das Kleinhirn in ihre Bewegungen einbinden.

  1. DIE FUNKTIONALITÄT IHRES KÖRPERS

Die Funktionsweise der Körperteile bezieht sich auf den Umgang mit dem Bewegungsapparat und den Umgang mit Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen und dem Bändersystem der Wirbelkette – der wahren „Stütze“ des Skeletts. Die Art und Weise und die Gesetzmäßigkeiten, die uns im Alltag einen Bewegungsfähigen Körper gewährleisten, sind dabei genau dieselben die auch während dem Reiten gelten.

Der Körper fordert sein Recht ein

Bewegungseinschränkungen führen zu Veränderungen unseres Muskel- und Knochensystems, die wir auch nicht mit noch mehr Stärkung der Muskulatur „in Griff“ bekommen. Denn die restliche Muskulatur hat bald nichts mehr zu tun, und wird mehr und mehr inaktiv. Eine Stärkung nur der Muskeln kann den eigenen Körper sogar noch mehr unter „Druck“ bringen und wirkt einengend wie ein Korsett.

Die Ausrichtung des Körpers ist ein 24-Stunden-Projekt – was denn sonst?

Wie effizient dann ihr Körper arbeiten kann und welche Bewegungserfahrungen er machen kann ist abhängig von der Ausrichtung von Wirbeln und Gelenken. Die funktionellen Bewegungen von Schultern, Kopfgelenken, Becken, Hüften, Knie, Ellenbogen oder Handgelenken geben die Bewegungsprinzipien und den angeborenen Bauplan des Körpers vor, in der er sich selbst organisieren kann und in der er Leichtigkeit, Bewegungs- und Koordinationsfähigkeit und sogar Schmerzfreiheit finden kann. In dieser idealen Ausrichtung wirkt das Bändersystem der Wirbelkette beweglich stabilisierend und sämtliche Gelenke sind jederzeit reaktionsbereit – auch beim Reiten. Eine perfekte Gesundversicherung für Gelenke.

Warum trainieren wenn alles schon da ist?

Nach der Körperschulung kann der Körper sich wieder sein Recht heraus nehmen, sich so zu bewegen, wie er es braucht. Bewegungsunfähigkeit ist nicht „normal“, auch wenn so viele Menschen darunter leiden. Auch Schulterverspannungen sind nicht „normal“, oder Probleme des Iliosakralgelenke. All diese Bewegungen konnte ihr Körper schon mal als Kind. Die angeborenen Bewegungen stecken in ihrem ursprünglichen Körperbauplan und warten nur darauf, dass sie von Bewegungseinschränkungen und Gewohnheiten befreit werden.

Die Körperschulung erklärt Ihnen, warum es notwendig ist die Bewegungsfähigkeit der Wirbelkette über alles andere zu stellen. Entdecken Sie deshalb die einmalige und wunderbare Bewegungsfähigkeit ihrer Wirbelkette und der Funktionen ihres Körpers wieder.

  1. GLEICHGEWICHT IST KEINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT

Die Bewegungsfähigkeit der Wirbelkette verbessert aus neuromechanischer Sicht die Qualität der Spinalnerven und des Rückenmarks. Die wohl einfachsten und ursprünglichsten Bewegungen dazu – deshalb auch primäre Bewegungen, sind das Beugen und Strecken. Vor allem der Bereich zwischen den Schulterblättern weist die größten Bewegungseinschränkungen auf. Eine gute Wirbelkettenbeweglichkeit sorgt für einen optimalen „Datenverkehr“ zwischen Gehirn und Körper. Und gute klare Signale aus der Wirbelkette sind eine gute Informationsquelle für ihr Kleinhirn, das Gleichgewichtsystem und das visuelle System.

Damit wird die ungestörte Funktion im Schwerpunkt der Wirbelkette und der Platz und Raum zur Datenvermittlung verständlich. Selbst eine geringe Veränderung, Verlagerung oder Verzerrung würde ausreichen, um den Oberkörper nach hinten, nach vorne oder zur Seite kippen zu lassen. Und deshalb hält sich der Rumpf in seinem Bändersystem fest, immer darauf bedacht für die visuellen und Gleichgewichtssysteme so gut wie möglich ausgerichtet zu sein.

Der „Körper“ – und damit auch ihr Reitersitz entsteht aus der Funktionalität der Bewegungen – die vom Gehirn veranlasst werden. Die Wirbel der Wirbelkette werden dabei von ihnen auseinanderbewegt, damit sie nicht mehr aneinander reiben, sondern Raum haben. Nur wenn das Bändersystem das richtige Gleichgewicht in der Wirbelkette erzeugen kann, können die Nerven ihrer Aufgabe als Nachrichtenübermittlung durch den Hals in alle Bereiche des Körpers reibungslos ausführen. Und zwar in beide Richtungen, vom Gehirn zum Körper und vom Körper zum Gehirn.

  1. DER ATEM ALS TRANSPORTMITTEL UND EXPRESSDIENST ZWISCHEN DEN MUSKELN

Auch der Atem kann im Körper ein wunderbares Transportmittel für Informationen sein. Er ist ein Geschenk des Lebens an uns, und fließt nie auf Kosten von irgendwas anderem. Durch die Verankerung der Rippen an der Brustwirbelkette ist die Bewegungsfähigkeit der Wirbelkette eine Voraussetzung für eine tiefe Atmung, eine starke Atemhilfsmuskulatur und flüssige Brustkorbbewegungen. Und das Schönste ist, wenn sich die Rippen hauchzart und angenehm beschwingt bewegen, bleiben wir in unserem  Körperkonzept.

Die KÖRPERSCHULUNG hilft ihnen auch im Umgang mit verkürzten und festen Muskeln – vor allem rund um den Rippen- und Schulterbereich. Denn der Rumpf sollte sich beim Einatmen dehnen und die Rippen in ihren Zwischenräumen, den Spareribs, auseinanderziehen können. Eine tiefe Atmung über das Zwerchfell –unserem Hauptatemmuskel – der wiederum abhängig von der Rippentätigkeit ist, regt außerdem den Lymphfluss an, der damit dem Abtransport von Stoffwechselabfallprodukten dienlich ist.

  1. REITERLICHE KÖRPERLÖSUNGEN

Körpersitzprobleme: die Lösung für ihre Sitzprobleme – bewusst machen

Es ist schon gewaltig! Wir verkrampfen einzelne Hüftmuskeln. Wir lassen uns einreden, unsere Wirbelkette braucht eine Stütze und muss sich stabilisieren. Wir strecken unsere Arme weit von uns und pressen die Fäuste zu. Wir halten Schultern und Kiefer fest, schnüren uns damit den Atem ab und suchen dann nach einer Lösung unserer Sitzprobleme auf dem Pferd!

Aber natürlich brauchen wir eine stabilisierte Wirbelkette, wenn wir ohne „Rück(en)sicht“ Spannung im Pferd erzeugen wollen. Wir dürfen die Beckenknochen dabei kein Millimeter bewegen, sonst verlieren wir die „Haltung“ der Wirbelsäule. Wir brauchen Spannung in der Schulterpartie, wenn wir der nach vorne ziehenden Kraft des Pferdemaules widerstehen wollen. Wir brauchen dazu Ellenbogen, die das letzte Quentchen Kraft aus unserem Schultergürtel herausholen. Wir brauchen eisenharte Schenkel, die das Pferd „treiben“ können und wir müssen den Kiefer aufeinanderpressen, damit wir uns beim Reiten durchbeißen können.

Die Frage ist nur – brauchen wir das alles wirklich? Denn wir wollten uns doch eigentlich fein mit dem Pferdekörper austauschen…zumindest viele von uns..

Die traditionellen Reiterschulungen konzentrieren sich nach wie vor auf eindimensionale Bewegungsabläufe oder das „Arbeiten“ mit einem oder wenigen Körperteilen. So ist die biomotorische Körperschulung eine ganz klare Abkehr von der herkömmlichen „Reitersitzhaltung“. Eine eingenommene „Haltung“ auf dem Pferd ist nicht dafür geschaffen, „elastisch“, „für das Pferd lesbar“ oder „feinmotorisch“ zu sein, oder sich gar mit dem Pferdekörper zu verbinden. So kann ein Reiten über und mit dem ganzen Spektrum von menschlichen Bewegungen kann nicht stattfinden.

Neue Erkenntnisse?

Mit der Erkenntnis das nur unsere unbewussten, angeborenen Bewegungen und nicht die antrainierten Bewegungsmuster, unseren Reitersitz und unseren reiterlichen Umgang mit dem Pferd entwickeln, lässt sich besser verstehen, warum es uns manchmal nicht so recht gelingen will, die geplante Feinmotorik beim Pferd auszuleben und sich der Mensch dann hinter Technik verstecken und sich auf Mechanik verlassen muss.

Das Gute besser machen

Aber Reiten muss nach wie vor ein KÖRPERLICHER Austausch zwischen Mensch und Pferd  sein, ohne dabei zu übersehen, dass es unsere Bewegungen sind, die den Körper des Pferdes maßgeblich beeinflussen. Genau deshalb darf das „richtige“ Bewegen keine vorübergehende Laune des Menschen sein, denn was wir am  Kopf oder im Maul des Pferdes – mit oder ohne Gebiss – mit unseren unbeholfenen Bewegungen machen – ist kein Kavaliersdelikt.

Schulter und Kiefer sind die Barometer einen guten Reiters

Die Funktionalität unseres Körpers kommt in den Schultern, in den Kiefer- und Kopfgelenken besonders zum Ausdruck. Am deutlichsten und folgenschwersten macht sich eine „Haltung“ an der Übergangszone des Brustkorbes zum Nacken bemerkbar. Der Bereich in ihrem Nacken und Kiefer zeigt ihnen dabei ihre Unbeweglichkeit. Und wenn dieser Ausdruck von Spannung sich andauernd bei uns festgesetzt hat, dann wird sich das gleiche Muster im Laufe der Zeit, überall in unserem Körper einnisten.

Mit hochgezogenen, eingebundenen Schultern, mit einem eingesunkenen Brustkorb ist keine Direktkommunikation zwischen Becken und Kopf und den Gehirnarealen möglich. Und natürlich auch keine Kooperation zwischen vorne und hinten, und erst recht keine zum Pferd.

Die Körperschulung zeigt ihnen wie die angeborenen Bewegungsprinzipien ihres Körpers – die primären Bewegungen – miteinander vernetzt sind, und wie sie sich auf die Aktionen des Alltags und des Reitens auswirken. Sie können ihren Reitersitz nur dann „korrigieren“, und entwickeln, wenn er sich mit seinen angeborenen, unbewussten Bewegungen beschäftigen darf, und sich dabei der Bewegungsapparat neu vernetzen kann.

Betrachten Sie ihre angeborenen Bewegungsprinzipien als „Masterplan“ für das Schaffen einer sicheren Aufrichtung ihres Körpers in allen Bewegungen auf dem Pferd. Beobachten Sie wie die einzelnen Wirbel Platz und Raum bekommen, wie das Becken ihre Beine bewegen kann, und nicht anders herum. Wie ihr Sitz eine bewegliche Stabilität bekommt, und wie damit der ganze Körper Bewegungsfähigkeit und Koordinationsfähigkeit – auch während den größten dynamischen Bewegungen des Pferdes – entwickeln kann.

Ihre Bewegungen gehen mit den Hirnströmen des Pferdes in harmonische Wellen über, dabei wird ihr Rückenmark in der Wirbelkette wieder leitfähig und leitbereit. Was das für das zentrale Nervensystem des Pferdes bedeutet, kann man sich nur vorstellen…

Die Veränderung fängt eben in unserem Körper an…
…am Ende des Seminares werden Sie etwas spüren, was sie sich nicht mit den angestrengten Bemühungen der Muskeln antrainieren können:
Es ist das großartige Gefühl, sich mit seiner Wirbelkette zu bewegen.