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Der Kopf des Pferdes – das Reich der Wahrnehmung

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Der Kopf des Pferdes – das Reich der Wahrnehmung

Teil I – ungestörte Sinneseindrücke

Zum Bild: Vom Maul/Kopf/Genick-Bereich strahlen die Informationen aus, die in den Körper über Nervenbahnen weitergeleitet werden. Diese Informationen finden in den Sensoren und Rezeptoren des Körpers ihr Echo – allen voran natürlich in den Gelenke – die durch hochsensible Faszien, dem Gehirn den jeweiligen Stand der Fortbewegung signalisieren (Propriozeption)

Das Pferd  fühlt sich durch sein instinktives Herdenverhalten nicht nur mit seiner Herde verbunden, sondern mit jedem Lebewesen, das ihm vertraut wird. Auch zum Menschen geht das Pferd eine Bindung bedingungslos ein. Das Pferd verbindet sich mit dem Menschen und vertraut ihm unbesehen davon, was der Mensch mit ihm macht.
Es wird die Beziehung zum Menschen nie grundsätzlich in Frage stellen oder gar aufkündigen. Für das Wohlbefinden des Pferdes ist aber die Qualität der Pferd-Mensch-Beziehung maßgebend und bestimmt das körperliche und psychische Wohlbefinden des Pferdes. Für uns Menschen eine Riesen-Chance, denn daraus kann  eine Faszination für die Beobachtung der intuitiven Bewegungen des Pferdes entstehen, die plötzlich ganz andere Blickwinkel eröffnet.

Dem BewegungsLernen geht es nicht darum, Reitweisen oder Reitformen an einen imaginären Pranger zu stellen – möglicherweise hatten diese Reitweisen in der Vergangenheit ja ihre Berechtigung. Das BewegungsLernen ist auf der Suche, um  unser Miteinander mit dem Pferd  besser zu machen – die Schwachstellen von Ausbildungen bewertungsfrei aufzuspüren und aus einem anderen Blickwinkel neu zu betrachten.

Es geht vor allem darum, wie man in der heutigen Zeit, und mit dem Wissen von heute, die intuitiven Lernmöglichkeiten des Pferdes fördern, wie man der Individualität des einzelnen Pferdes gerecht werden und wie wir den kontinuierlichen Veränderungsprozess des Pferdekörpers aus der Sichtweise der Biomotorik am besten begleiten können.

Und da gibt es viel zu tun – denn der Mensch hat die Verantwortung, die er mit seinem Körper dem Pferd gegenüber hatte, gerne in Mechanismen, Hilfsmittel und Techniken abgegeben. Besonders deutlich wird das bei allem, was am Kopf des Pferdes passiert. WEIL die Schultern und Hände des Menschen nur noch eingeschränkte Möglichkeiten haben, geben wir die Verantwortung gerne in Gebisse, Zäumungen, Knotenhalfter und Kappzäume ab. Die Suche nach Technik – schon lange nicht mehr die Suche nach einer spielerischen Kunst – um mit dem Pferd zurechtzukommen, es führ- und händelbar zu machen, ist eine Art der Resignation des Menschen  – und ein Armutszeugnis – denn nach wie vor hätte er alle Möglichkeiten in seinem Körper.

Nicht nur reformieren – wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Maul

Deshalb können wir uns zuallererst die Frage stellen, was das Pferd davon hat? Was hat es davon wenn sein Maul zugeschnürt ist? – Was hat es davon wenn es seinen Kiefer  einschließlich Zungenbein nicht mehr ungestört bewegen kann? Ist es dem Pferd wirklich wichtig in welcher Höhe sein Kopf ist? Usw. usw. (um nur mal beim Kopf zu bleiben)
Wir sollten uns viel mehr Gedanken darüber machen, wie sich die Verbindung zum Pferd stärken lässt als über Ausführungen zu sinnieren. Noch weit vor mechanischen Bewegungen und Hilfsmitteln sollten das Zuhören und die Aufmerksamkeit dem Pferd gegenüber wachsen. Es ist doch kein Wunder, wenn infolge unserer Unaufmerksamkeit die Fähigkeit des Pferdes, seine natürliche Sinneswahrnehmung einzusetzen – verkümmert.

Einstudierte Bewegungen oder spielerische Leichtigkeit

Und was folgt aus dieser Erkenntnis? Das wir uns dafür einsetzen müssen, dass sich im Umgang mit dem Pferd etwas ändert – wir können nicht nur abwarten, das irgendwann, irgendetwas passiert. Und notfalls müssen wir eben auch an unseren Gewohnheiten   etwas ändern. Einstudierte Bewegungen sind ein schlechter Kompass für die Möglichkeiten des Pferdekörpers.

Das Miteinander mit dem Menschen ist schön und genetisch wichtig für das Pferd, denn sie lässt „miteinander erleben“. Aber gut für das Pferd ist es „überraschenderweise“ nur selten. Im Gegenteil: In diesem „Miteinander“ geschehen oft schreckliche Dinge mit dem Kopf des Pferdes.

Zuallererst:  alles was das Pferd erlebt,  wird im Gehirn sofort verarbeitet und fließt im wahrsten Sinne des Wortes auf die eine oder die andere Art in den Körper. Für die Vielfalt seiner Bewegungen  kommt es also darauf an, wie offen das Pferd seine Sinneseindrücke empfangen kann. Was aber, wenn das Pferd gar keine Sinneseindrücke mehr wahrnehmen kann – weil die Pforte für Sinneswahrnehmungen geschlossen ist.

Das Pferd bewegt sich dann in etwa so, wie ein Mensch, der nichts oder nur sehr wenig hört. Das Pferd wird sich mehr und mehr auf die „fremde Hilfe“ des Menschen verlassen müssen – es wird abhängig von Menschen. Was keine sehr gute Basis für ein tiefes kommunikatives Miteinander ist – denn vor allem fehlt hier der direkte „zwischenmenschliche“ Kontakt in Form von nonverbaler Kommunikation – der Interaktion. Wenn das Pferd aus dem Fluss seiner Bewegungen gekommen ist, und seinen Körper nicht mehr wahrnehmen kann sind Bewegungseinschränkungen, Blockaden und Fehlmuskulaturen die Folge.

Spätestens wenn wir über die ungestörten Sinneseindrücke des Pferdes sprechen, müssen wir deshalb die Wahrnehmungen des Maul/Kopf/Genick-Bereiches in den Fokus nehmen.
Nicht von ungefähr ist dieser Bereich auch der vom Menschen am stärksten bearbeiteste Bereich des Pferdes. Er ist die Pforte zum Körper – von hier aus wird entschieden, welche Informationen in den Körper gelangen – und welche eben nicht.

Der Kopf des Pferdes ist das Reich der Sinne

Der Kopf des Pferdes beherbergt alles was für den Pferdekörper und seine Bewegungen wichtig wird. Atemorgane, Nase, Tastorgane, der Gleichgewichtssinn, Nervenendigungen, Sensoren und Rezeptoren – und alle haben eines gemeinsam: Sie müssen ungehindert und unbeeinflusst ihre Arbeit machen dürfen.

Für uns in der Bewegungsforschung ein zusätzlicher Grund, den Faktoren auf die Spur zu kommen, die das Pferd an seiner ungehinderten Wahrnehmung hindern, damit es seine Sinneseindrücke unbelastet verarbeiten darf. Eigentlich könnte das dann ja auch eine gute Ausgangslage für unsere  menschlichen Handlungen sein und somit auch die reiterlichen Beeinflussungen bestimmen.

Der erste Schritt um die Wahrnehmung des Pferdes zu öffnen, ist alles wegzulassen was seine Wahrnehmung einengen, blockieren, verändern oder hindern kann. Also alle zuschnürenden Riemen, Knotenhalfter und Kappzäume. Diese Hilfsmittel sind für andere Ausbildungsmethoden geeignet, aber nicht um die Wahrnehmung des Pferdes zu öffnen.

Deshalb möchte Sie davon überzeugen, wie wichtig das ungestörte Maul und Kopf des Pferdes ist – wie sensibel das Maul des Pferdes ist, und wie sehr es seine eigene Wahrnehmung braucht, die im großen Umfeld im Kopf und  Genick entsteht, um mit seinem Körper umgehen zu können.

Leider häufige Tatsachen:

Oft wird das „Nachgeben im Genick“ im wahrsten Sinne des Wortes zum Kräftemessen durch die Handeinwirkung. Eine so erreichte „Anlehnung“ ist eine Resignation des Pferdes auf unerbittliche „Korrekturen“ – und von Wahrnehmung und Sinneseindrücken des Pferdes meilenweit entfernt. So betrachtet sind die „Werkzeuge“ am Kopf des Pferdes, mehr oder weniger Hilfsmittel zur Durchsetzung reiterlicher Anforderungen und reiterlicher „Hilfen“ –  auch und leider gerade dann, wenn sie im Widerspruch der körperlichen Bereitschaft und der Möglichkeiten des Pferdes sind.

Die Beeinflussung des Maules dient so dem reiterlichen Zweck, dem Pferd seine natürlich angelegten Sinneseindrücke zu entfremden oder sogar ganz zu verhindern. So wird das Pferd für den Menschen händel- und führbar, und aus dem Reiten eine Knechtschaft. Das ist umso schlimmer, weil sich das Pferd über seinen Körper definiert.

Es ist durchaus üblich, den Pferdekopf zu „erziehen“ – das zeigt folgender Text:

Das Pferd kann sich der Handeinwirkung  dadurch entziehen, dass es den Kopf von unten nach oben gegen das Kopfstück des Zaumes drückt und damit die Halsmuskeln nicht loslässt, sondern im Gegenteil spannt. Besonders nützlich ist der Schlaufzügel, weil damit jeder Versuch des Pferdes, sich der Reiterhand zu entziehen, sofort wirksam korrigiert werden kann und eine erhebliche Erleichterung der Führung erreicht werden kann. Er erleichtert dem Reiter das Vortreiben in die Hand hinein oder, mit anderen Worten, Gewicht in die Hand zu bekommen.

Der Zweck des Gebisses ist die Fixierung eines in seiner Muskulatur nicht gefestigten Pferdehalses. Sobald der Pferdekopf durch entschlossenes Gegenhalten in eine normale Stellung gebracht ist, muss der Reiter sein ganzes Augenmerk darauf richten, ausschließlich lösend zu arbeiten.  Es empfiehlt sich mit Sperriemen zu arbeiten. Mit ihm ist die Einwirkung der Hand weniger unerbittlich, dafür ist die lösende Wirkung leichter zu erreichen. Das Pferd kann nur durch Heben der Nase ausweichen (oder zur Seite – Anmerkung der Verfasserin) Gelingt es dem Reiter, das zu verhindern, muss sich das Pferd im Genick loslassen. In zwei bis drei Wochen muss bei richtiger Arbeit ein voller Erfolg erreicht werden können. Und so weiter – und so weiter

Das stammt nicht etwa aus einer Folteranweisung, sondern ist ein beliebiger Text aus einer Reitunterweisung. In zwei bis drei Wochen – bei einem „normalen“ Pferd, die durchaus übliche Zeitspanne einer „Korrektur“ – nimmt sich das Pferd auf diese Weise nicht mehr wahr – es ist „korrigiert“ – Widerstände des Pferdes, die aus einem Nichtkönnen resultieren, wurden abgetötet. Gerade was das Maul und den Kopf des Pferdes betrifft, wird so dem Reiter die Idee verkauft, das Falsche, richtig zu tun.

Belastungen und Einflüsse am Pferdekopf
als Faustregel ist das, was am deutlichsten und spontansten auf den Kopf des Pferdes einwirkt, am stärksten in seiner Beeinflussung, weil es das Pferd sehr deutlich in seinen natürlichen Sinneseindrücken behindert:

  • Logischerweise alle direkten Einflüsse am Kopf
  • Alle indirekten Einflüsse die vom Kopf in den Körper und wieder zurück geleitet werden (Spannungen, hoher Muskeltonus, Verletzungen, Fehlstellungen, Aus- und Aufrichtung des Körpers, Höhe des Sehens, Druck etwas leisten zu müssen etc)

Auswirkungen des Kiefers auf die Bewegungen

Der Kopf des Pferdes ist mit den verschiedensten Muskeln bestückt, die unterschiedlichste „Aufgabenbereiche“ haben, aber allen ist eines gemeinsam: sie dürfen keine Spannungen haben, sonst beeinflussen sie das Kiefergelenk – und diese Spannungen strahlen alle in den Körper aus.

Deshalb beschäftigen wir uns mit dem Einfluss der Okklusion(Kontakt zwischen den Zähnen des Ober- und Unterkiefers) – also die damit verbundene Zwangsposition des Kiefergelenkes – auf die Bewegungen des Pferdes. Und was man immer schon wusste, konnte man in Studien(Humanstudien) belegen. Mit dem Zusammenhang zwischen Okklusion und der Kopf- und Nackenmuskulatur, mit Schmerzen im Bereich des Kausystems und sogar mit einer Ausstrahlung in andere Körperregionen und ebenso massiven Einwirkung auf die Körperhaltung muss man Zäumungen, Knotenhalfter und Kappzäume neu bewerten.

Eine Okklusionsstörung – also eine Störung der natürlichen Kieferfunktion beeinträchtigt die Funktion des zentralen Nervensystems und beeinflusst den Emotionskreislauf (limbisches System) negativ. Damit ist sie zusätzlich als Stresssituation für das Pferd anzusehen. Wir können uns unschwer vorstellen, was bei einer regelmäßigen Einschränkung der Kiefergelenke passiert.

Die Auswirkungen einer Kiefergelenksstörung

Im Körper laufen dann dramatische Abläufe ab. Die Spannungen –  vom Maul/Kopf/Genick-Bereich ausstrahlend, nehmen im Körper drastisch zu, weil die ganze „Informations-Sensorik“ außer Kraft gesetzt wird. Das Pferd braucht immer mehr Löse- und Entspannungsphasen, weil es die Anspannung im Kopfbereich nicht lange „halten“ kann.

Und was folgt aus dieser Erkenntnis? Wir sollten viel größere Zuversicht in die Eigenwahrnehmung  ohne Beeinflussung setzen. Denn vor der Beeinflussung des Maul/Kopfbereiches gibt die Möglichkeit durch Aufmerksamkeit dem Pferdkörper gegenüber, die natürlichen, individuellen Anlagen des Pferdes zum Entfalten zu bringen.

Das spannende Thema „Der Kopf des Pferdes – das Reich der Wahrnehmung“ ist in mehrere Teile gegliedert:

 

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