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Wie bitte? Ein Pferd fällt doch nicht um!
Stimmt – aber man kann es sich ja mal vorstellen…
Wenn das Pferd  hinter seinem Gesichtsfeld  einen Mensch auf seinem Rücken sitzen hat, mit dem es nicht über seine Sinnesorgane verbunden ist, fangen die Nervensysteme an „Rätsel  zu raten“. Das hört sich erst mal nett an, hat aber dramatische Auswirkungen für das Pferd. Sie können das vielleicht besser nachempfinden, wenn sie sich vorstellen, dass sie einen Knebel im Mund haben, und eine Binde über den Augen a la „Blinde Kuh. Ach ja, und sich dann noch die Ohren zuhalten.

So ausgestattet kann sich das Pferd überhaupt nicht mehr auf Situationen einstellen die von „außen“ kommen, weil die Nervensysteme des Pferdes keine Möglichkeit haben, Bewegungen  „einzuplanen“. Sie werden ja, logisch, nicht mit entsprechenden Wahrnehmungen „gefüttert“. Das Pferd – eines der Sinnesbegabtesten Lebewesen überhaupt, befindet sich ist auf „Blindflug“. Und für die Sinneswahrnehmungen von „innen“ hat es auch keine Zeit mehr, weil die Sinnesorgane auf  permanenter „Lauerstellung“ sind, in der Hoffnung doch noch was mitzubekommen.

Aber es wird noch schlimmer.  Denn meistens ist das Pferd auf den Menschen körperlich nicht vorbereitet. Wir müssen uns also vorstellen, dass das Pferd von einem Moment auf den anderen mit Sattel plus-minus 80 kg und mehr „ertragen“ muss. Das heißt die Gelenke haben einen anderen Belastungsmoment, der Organismus kommt durcheinander – die Informationen werden vielfältiger, umfangreicher, ablenkender… Und zwar die Rückmeldungen des eigenen Körpers und die des Menschen obendrauf.

Das ist genauso, als ob sie morgens aufwachen und über Nacht 80kg zugenommen haben – ein Super-Gau für den Organismus.

Also befindet sich das Pferd in einer Situation, bei der seine Sinnesorgane komplett ausgeschaltet sind, der Körper unvorbereitet mit einem sehr großen Gewicht belastet ist, und dieses „Gewicht“ (der Mensch) auch noch ein Eigenleben entwickelt. Lassen wir jetzt die Beeinflussungen, Störungen und Manipulationen die der Mensch gerne bewusst vornimmt, einmal beiseite, denn Pferd nimmt uns ja noch intensiver, in unseren unbewussten Bewegungen, also Bewegungen die uns nicht bewusst sind  –  also in der wirklichen Sprache unseres Körpers – wahr.

Plötzlich also neigt sich der Mensch nach vorne oder belastet die rechte Seite mehr, kommt ins Rutschen oder macht sich im unteren Rumpf fest. 80 fremde Kilos die unvermittelt in eine ungeplante Bewegung kommen. Das reicht gut aus, damit sich das Pferd im Körper fest macht. Um dieser ungewohnten Stoßbelastung gegenzuhalten – leider mit dem Ergebnis, dass die „Last“ (der Mensch) sich auf dem festgehaltenen Pferdekörper nicht mehr wohlfühlt und anfängt auf und nieder zu tanzen. Auf dem harten, entgegenwirkenden Körper des Pferdes könnte wirklich nur ein sehr, sehr guter Reiter weiter feinjustiert in sich weiterfedern.

Der Hintern des Reiters als Impulsgeber

Aber auch ihn, bringt die Schwerkraft zum Schwingen. Ähnlich wie bei einem Kran im Wind, pendelt die „Last“ nun auf dem Pferd. Und nun fungiert der Hintern des Reiters als Impulsgeber. Die „Datenleitung“ ist ja eine Nervenleitung, die von unten durch den Spinalkanal führt. Diese Informationsleitung macht leider genau das, was wir zum Reiten nicht brauchen. Denn der Hintern des Reiters bekommt das Signal eingespielt: „der Körper kommt ins Schwanken – unsicher – Gefahr – Beugemuskeln aktivieren“.

Ob der Reiter in einem Zustand der Verunsicherung oder sogar Furcht ist, können wir  deshalb an der Aktivität seiner Muskeln sehen. In unserem Fall aktiviert der Reiter alle Beugemuskeln, also jeden Muskel, die dazu dienen, die Gliedmaßen und den Rumpf zu beugen. Arme und Beine werden also an den Körper herangezogen und der Rumpf wird gebeugt.  Es werden sozusagen die Hebel verkürzt, um die Gefahr einer Verletzung zu verringern und die inneren Organe zu schützen. Zudem bildet jetzt die Wirbelkette einen Bogen, was sie stabiler macht als in gestreckter, beweglicher Form (im Vergleich – der aufgewölbte Rücken des Pferdes!) Diese Bogenform bezieht auch den Kopf mit ein.

Der Mensch als Kugel

Mit dem Menschen als Kugel auf ihm drauf – die „hilflos“ auf ihm hin und her rutscht, soll jetzt das arme Pferd wissen, was es machen soll und was es dagegen tun soll. Instinktiv weiß der Pferdekörper, wenn es jetzt nichts unternimmt, kommt der Körper mitsamt seiner Kugel (aus der Last ist eine Kugel geworden) ins „Trudeln“ – ins Stolpern und damit können BEIDE UMFALLEN (deshalb die Überschrift).

Also hält das Pferd dagegen und aktiviert die Muskulaturen der Gliedmaßen, die nun stabilisieren müssen. Normalerweise sollen aber die Gliedmaßen des Pferdes dazu dienen, um in einer dynamischen Bewegung das Gleichgewicht zu bewahren und immer wieder herzustellen. Mit seiner Kugellast auf dem Rücken geht das aber für das Pferd nicht mehr.

Dem Gehirn des Pferdes ja ständig die Gefahr signalisiert, das es droht umzukippen – und damit sprechen wir das Problem an – das das Pferd nun mit seinem Gleichgewicht hat. Wie kann es dem aufgerichteten Pferd gelingen, aufrecht zu bleiben, wenn seine Last (der Mensch)sein Gewicht (80 kg – also kein Pappenstil)sich immer wieder unterschiedlich vom Schwerpunkt wegbewegt?

Von weiterer entscheidender Bedeutung für das Pferd ist, dass die Gewichtsverlagerung seiner Last, unerwartet, jederzeit und ohne Vorwarnung auftreten kann. Dass ist nochmals anders als bei einer schlecht verstauten LKW-Ladung, von der man weiß, dass sie von einer Seite zur anderen schlingert. Denn damit hat das Pferd viel, viel weniger, sehr begrenzte Möglichkeiten und sehr wenig Zeit zu „korrigierenden“ Maßnahmen seines Körpers.

Das Pferd muss die stabilisierende Körperform zur dynamischen Bewegung nutzen – das kann nur schief gehen.

Also übernimmt das Pferd  zur Kontrolle seines Gleichgewichts das, was für eine andere Funktion gedacht war,– die Stabilisierung des Körpers, den das Pferd zur Futteraufnahme braucht. Mit dieser durchaus verständlichen – aber schädlichen Entscheidung des Pferdekörpers entsteht eine unheilvolle Verwirrnis im Körper des Pferdes. Denn das Pferd übernimmt und erweitert einfach etwas, was aus einem anderen biologisch bedeutsamen Grund in seinem Körper entwickelt worden ist – die Stabilisierung des Körpers zur Futteraufnahme.

Ein Pferd, das vornübergebeugt sein Futter oder sein Wasser aufnimmt, muss ja dazu in der Lage sein, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und vornüber zu fallen. Diese „Haltung“ muss das Fohlen übrigens erst umständlich erlernen. Wie schwierig diese Position des Körpers ist, bei der alle Körperfunktionen eingeschränkt arbeiten, sieht man dem Fohlen an, wenn es das erstemal vom Boden fressen möchte.

Wann wird die Stabilisierung des Körpers zu einer Gewohnheit – richtig, wenn es sich nur noch stabilisiert bewegt…

Die Gegebenheiten des Pferdekörpers sind zum Fressen denkbar schlecht, denn Kopf und Hals sind sehr schwer, da müssen schon große Kräfte wirken um das Pferd davor bewahren, nach vorne zu kippen. Aber die Evolution hat es so gewollt und damit dem Pferd zwei Körperpositionsmöglichkeiten in die Wiege gelegt. Die stabilisierende Funktion zum Fressen und die aufgerichtete Funktion zur dynamischen Bewegung. Selbstredend werden alle Körperfunktionen – wenn alle Funktionen stimmen – blitzschnell auf den Vorgang eingerichtet – wie zum Beispiel der höhere Sauerstoffumsatz in der aufgerichteten Form usw.

Aber auch die Sinneswahrnehmung werden darauf abgestimmt. Deshalb nimmt ja  ein Pferd in der aufgerichteten Form wesentlich mehr wahr als in der stabilisierten. Beim Fressen dient  der schützende Herdenverband seiner Sicherheit . In der aufgerichteten Form dagegen sieht man weiter, nimmt Gefahren besser wahr und sieht außerdem imposanter aus. Aus Sicht der Biologischen Motorik also  überhaupt nicht nachvollziehbar, warum der Mensch das Pferd in der stabilisierenden Fresshaltung zu  Dynamischen Bewegungen „ausbildet“ , bzw. warum er den Pferdekörper in diese Form zwingt!

„Haltungsverlust“

Aber zurück zu unserem Pferd, das umfällt. Denn erschwerend kommt dazu dass die „Last“ von oben, über Zügel den Pferdekörper festhält. Sie zwingt ihn damit in eine „Haltung“ die es dem Pferdekörper völlig unmöglich macht, auszugleichen. Wenn die „Sturzgefahr“ also der Verlust des Gleichgewichtes schon unendlich belastend für den Pferdekörper ist, so ist die Zwangsjacke in der sich das Pferd nun befindet, noch viel akuter.

Trotzdem sind für das Pferd die „Lastenkugeln“  die am langen Zügel reiten, noch schlimmer. Denn bei denen verliert das Pferd  die Verbindung. Es fällt auseinander, weil es sich durch den langen Zügel weder orientieren noch ausrichten kann. Da trifft die menschliche „Lastenkugel“ das Pferd an den empfindlichsten Stellen. Das Pferd muss sich gegen die „Kugel“  stabilisieren, während die „Last“ den Pferdekörper in der gestreckten, ungeschützten Form seiner Wirbel trifft.

Sie sehen, wenn sich ein Pferd, mit einem Menschen auf ihm drauf, bewegen soll, und es nicht über seine Wahrnehmungsorgane mit ihm verbunden ist,  sieht sich das Pferd fast unlösbaren Problemen gegenüber. Die entsprechenden neuromuskolären Wahrnehmungs- und Kontrollaufgaben sind ja dem Bewusstsein des Pferdes vollkommen entzogen und mit der plötzlichen unruhigen „Last“ auf seinem Körper ist das Körpersystem völlig überfordert, weil einfach zu viele Informationen über Gelenkstellungen und Gewichtsverteilungen, Schwerkraft usw. ,zu sammeln und auszuwerten sind.

Ohne die eigene Wahrnehmung der Körper – der Biomotorik, wird das also mit dem gemeinsamen Bewegen in Leichtigkeit nichts.

Ich glaube, es ist unnötig zu sagen, dass der Mensch dazu auch seinen Körper entsprechen schulen muss, damit er eben nicht in einer permanenten Beugehaltung verharrt, sondern dass er die Möglichkeit hat, sich auf jede Situation mit dem Pferd mit einer fein kontrahierenden Muskulatur einzustellen. Und parallel dazu mit dem Pferd, quasi in einer Art Gleichgewichts –und Koordinationsschulung die Sinneswahrnehmungen zu trainieren, und die Sehnen (nicht die Muskeln) zu stärken, damit sich jeder Körper mit seiner eigenen Biomotorik – sich in jeder Situation – in ein Gleichgewicht seines Körpers begeben kann. Zum Glück hat uns die Bewegungsforschung mit ihren Erkenntnissen dazu die Möglichkeit gegeben.
Damit das Pferd nicht umfällt…(gedanklich gesehen)