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Biomotorik – die leise Stimme des Körpers

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Gedanken zur Biomotorik

Muskeln bestimmen in unserer Gesellschaft unser Leben. Wir trainieren, oder werden trainiert – damit wir Muskeln aufbauen – und weil wir wissen, dass Muskeln darüber bestimmen, wie gesund wir sind, oder wir uns fühlen. Mit diesem Schneller-höher-weiter-Prinzip sind die meisten von uns groß geworden.
Die rein technische und mechanische Sicht auf den Körper hat in uns ein Denken produziert das dem Körper eine berechenbare Wertigkeit gibt.

Dieses Prinzip zieht uns genauso unerbittlich auf die Seite des muskulären „Wettrüstens“ das uns wie in einem Sog gewollt oder ungewollt, mit sich reißt. Wir sind daran gewohnt, das zu benennen, was nicht klappt, oder was wir schwierig oder anders finden, und woran wir noch „arbeiten“ müssen. Und – unsere emotionalen Wünsche und Empfindsamkeiten halten sich auf einmal die Waage mit den Bedürfnissen des Körpers

So „erarbeiten“ uns unseren Körper, wir erkaufen ihn geradezu mit einem Aufbau von Muskeln, die wir möglicherweise weder brauchen, noch von ihnen wissen ob sie unserem Körper schaden oder nutzen. „Es steckt viel Arbeit darin“ – und immer auch ein Stück Identität.
Maurice Chevalier sagte: Je älter man wird, desto ähnlicher wird man sich selbst…

Denn der Körper erobert im Alter seinen Körper zurück. Alles, was wir ihm im Laufe der Zeit „zugefügt“ haben(im wahrster Sinne an Muskelmasse zugefügt) hat seinen Preis. Die „Baustellen“ im Körper, die wir mit Muskeln „vertuscht“ haben, kommen unverändert wieder zum Vorschein. Und mit jedem partiellen Muskelaufbau haben wir gegen den Körper „gearbeitet“

Genauso verfahren wir mit Lebewesen, die uns anvertraut sind, wie zum Beispiel dem Pferd. Wir trainieren die Muskeln des Pferdes in dem Bewusstsein, so das Beste, für die Gesundheit des Pferdes zu tun. Deshalb scheuen wir uns auch nicht, den Pferdekörper in „Spannung“ zu versetzen, um unsere „Bemühungen“ quantitativ in Muskelmasse bewerten zu können. Aber ist der biomechanische Muskelaufbau wirklich der Schlüssel für das Verständnis des Pferdekörpers?

Die heute gängigen und alltäglichen Fragen sind: Wie lange am Tag wird das Pferd „gearbeitet“? Welche „Hilfsmittel“ werden dazu benutzt? Wie bringe ich dem Pferd noch mehr bei? In noch kürzerer Zeit? Noch schneller, noch weiter, noch klassischer..
Wir hoffen, je größer unsere Bemühungen sind, je mehr wir das Pferd trainieren, je mehr „große“ Bewegungen es hat, desto schneller kommen wir zum Erfolg….
Zum Erfolg? Für wen?
Die Eigenwahrnehmung (die Biomotorik) hat dabei keinen Platz und keinen Raum.

Was hat das alles mit der Biomotorik zu tun?
Vielleicht werden Sie es schon erahnen: die Biomotorik – wie ungewöhnlich – behauptet genau das Gegenteil von dem was durch unser Muskel-Leistung- Tempo-Denken diktiert wird. So begegnen wir in der Biomotorik einer Welt der Reflexe und Reize – dem eigenen und sehr individuellen Kreislauf und dem Bewegungsfluss des Körpers. Die Aufmerksamkeit liegt in der Biomotorik auf dem Atem beziehungsweise der Synchronisation des Atems mit der Bewegung.

Die Biomotorik „besinnt“ sich (denn sie schließt ja alle Sinne des Körpers mit ein) auf alle angeborenen Fähigkeiten des Körpers, die schon da sind und nicht die, die man durch Muskeln erst mühsam erzeugen muss. Denn tatsächlich sind alle Fähigkeiten und Fertigkeiten im Körper angelegt, auch wenn der Körper sie erst durch seine Eigenwahrnehmung wieder annehmen kann.

Die Eigenwahrnehmung (Biomotorik) wirkt als Filter und als Informationsgeber zugleich und wird durch das innere Prinzip des Körpers bestimmt: durch jeden einzelnen Atemzug, Herzschlag und Tonus eines Wesens – im Grunde regelmäßig und doch immer individuell. Die Biomotorik folgt dem Atem und nimmt jede Bewegung wahr, ohne zu werten.

Die Biomotorik ist eine Weiterentwicklung der unwillkürlichen Motorik – bei der die „angeborenen Lehrmeister“ von der natürlichen Filterfunktion des Körpers der Eigenwahrnehmung „kanalisiert“ werden. Also keine Muskelpakete, keine „positive Spannung“, keine Dehnung und keine bewusste Entspannung – und deshalb auch keine Überforderung, Überlastung und Überdehnung

Warum ist das biomotorische „Verstehen“ des Körpers so wichtig?
Damit die Anforderungen einer „Ausbildung“ vom Pferdekörper bewältigt werden kann, ohne die allgegenwärtigen Überlastungen und Verschleißprozesse in der täglichen Praxis der Reiterei. Denn –
der Gebrauch erhält, die Anstrengung fördert, die Überlastung schadet (Arndt-Schulze-Regel) – diese Grundregel sollte auch in der Pferdeausbildung die wichtigste Rolle spielen.

Bewegung hat durchaus was mit der inneren Bewegung zu tun – und zwar mehr wie man denken könnte. Für uns in der Bewegungsentwicklung sind diese Vorgänge und Prozesse absolut wichtig, denn nur dann ist gewährleistet, dass alle Gelenke und alle Strukturen des Körpers, die ihnen zugedachte Funktion einnehmen können, denn die richtige Funktion der Gelenke haben den gleichen Anteil an Bewegung wie Muskeln.
Die Biomechanik dagegen ist eine Willkürmotorik

Mit Erschrecken blickt der Biomechaniker – der als Informationsgeber für Bewegungen nur die Muskelstrukturen des Körpers hat, auf die Biomotorik, die als Informationsgeber die Nerven, das Rückenmark, Bewegungsanreize und –vielfalte hat. Während der Mensch im mechanisierten Reiten das Pferd einer fremden Ordnung unterwirft, und das Pferd durch diese fremde Mechanik des Körpers entsteht, ist die Biomotorik in direkter Übereinstimmung mit dem eigenen Körper. Die Biomechanik, so veränderbar, beeinflussbar und variabel wie sie ist, schadet dem natürlichen angeborenen Rhythmus des Körpers.

Diese fremde – meistens gespannte – Ordnung repräsentiert dann den Pferdekörper, und wir bewundern die außerordentlichen „Leistungen“ eines biomechanisch ausgebildeten Pferdes. Sie bestimmen das Pferd, aber gleichermaßen wird es damit der Wahrnehmung des eigenen Körpers entfremdet. Doch der Preis ist hoch und der „erarbeitete“ Körper geht möglicherweise an den eigenen Bedürfnissen des Pferdekörpers vorbei.

Wir haben uns aber daran gewöhnt, über den Muskelaufbau der Biomechanik die Motorik des Pferdes zu verändern, also dem Körper eine Körperfremde „Ordnung“ zu geben. Ob wir das Pferd trainieren, konditionieren oder das Pferd etwas wiederholen lassen, wir fördern dabei die Willkürmotorik des Pferdes -die aber zugleich hemmend und kontrollierend auf die eigenwahrnehmende (biomotorische) Bewegung des Pferdes ist.

Ich glaube man erahnt bereits, wie die einseitige Fixierung biomechanischer Muskelinformationen ohne sensomotorische Grundlage für den Körper wirken kann. Biomechanik ohne Biomotorik kann dem Körper gefährlich werden.

Und nur die ausschließliche Biomechanik lässt die Fremdeinwirkung und Beeinflussung von Trensen und Zäumungen zu, sie lässt zu, dass man den Pferdekörper manipuliert und beeinflusst – der Reiter muss es geradezu tun, weil der Körper ohne eigene Kontrolle quasi führungslos geworden ist und damit verhindert wird das der Pferdekörper sich mit seinen eigenen Sinnen begreifen kann.

Eine ausschließliche Biomechanik lässt auch das Straf-Belohnungssystem der traditionellen Reiterei zu, die meistens in einer Straf-Reiterei durch eine unnachgiebige, harte Zügelhand, grobe Sitz-und Schenkelhilfen und einen komplett falschen Gebrauch von Sporen entstehen.

Die auf Kraft basierende Reiterei
Es dominiert die Kraft. Das Fehlen der Eigenwahrnehmung des Pferdes hat zur Folge, dass mechanischer Gehorsam (selbst wenn sie erzwungen wird) für die Mehrheit der Reiter und Richter wichtiger ist als die Biomotorik des Pferdes. Das derzeitige auf die Biomechanik geprägte System lässt Reiter und Richter vor allem auf die Mechanik achten, wobei der Rahmen des Pferdes horizontal ist und der Reiter stets Gewicht in der Hand hat.

Zur Entstehung einer Bewegung ist aber die perfekte Zusammenarbeit von den zwei großen Nervensystemen im Körper notwendig. Dem somatischen (oder willkürlichen) Nervensystem und dem vegetativen (oder unwillkürlichen) Nervensystem. Biomechanik und Biomotorik. Es sind zwei scheinbar unterschiedliche Signalwege, die aber in der Regel mühelos miteinander zusammenarbeiten.

Es wird Zeit die Biomechanik zu definieren
Dazu nehmen wir die Definition der Biomechanik nach der Waldeyer Anatomie: „Die Biomechanik befasst sich mit den Reaktionen lebendendes Gewebes auf mechanische Kräfte. Dabei können innere und äußere Kräfte das Wachstum, den Umbau, die Regeneration und den Stoffwechsel von Zellen beeinflussen“

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