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Bewegung verstehen

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Das Verständnis für das Pferd als in sich funktionierendes Körpersystem endet interessanterweise dort, wo der Mensch anfängt vom Pferd eine Bewegung zu fordern. Um aber den Pferdekörper in seiner Ganzheit zu verstehen, müssen wir unsere Sinne für die Details der Bewegung schärfen.

Vor allem wenn man das Reiten nur als Abfolge von im Pferdekörper installierten Bewegungsmustern sieht, tut man diesem wunderbaren Austausch von Bewegungen, mit denen sich sowohl der Reiterkörper wie als auch der Pferdekörper weiterentwickeln kann – äußerst unrecht.
Bewegungen die durch Wiederholungen gefordert werden, sind keine Bewegungen, sondern mechanisierte Abläufe. Und das ist sicher nicht der Geist einer Reitkultur die die GEMEINSAME Balance, bis möglicherweise zur Perfektion hin, trainieren möchte.

Aber – heute spüren wir anders, und wir bewegen uns anders. Und eigentlich müsste man sagen, wir bewegen uns anders, weil wir uns anders spüren. Unser Augenmerk liegt auf dem Offensichtlichen – in dem Erzeugen von Bewegungsmustern über die Muskulatur – nicht mehr auf Körperprozesse, die die ganzen Organe miteinbeziehen.

Die Folgen sind aus der Sicht des Körpers ebenso einleuchtend wie unausweichlich. Einzelne Körperteile werden von dem Körpersystem entkoppelt und muskulär gestärkt. Das Fatale an dieser „anderen Art“ der Körperbearbeitung ist, das, wenn das innere Körpersystem erst mal verzogen ist, alles – jede sportliche Betätigung,  und jede Bewegungslosigkeit, schädigende Impulse und Bewegungsanreize im Körper auslöst.

Ein Verständnisbeispiel aus dem menschlichen Bereich: Ein Mensch hat aus irgendwelchen Gründen einen festgehaltenen Schulter- und Nackenbereich. Die Folge davon, von der der Mensch aber noch nichts weiß, (weil er es noch nicht spürt) ist eine festgehaltene Lendenpartie und als Folge davon wiederum, eine Fehlbelastung der Hüfte und dadurch ein nach außen gedrehtes Knie.

Seine Idee ist, gegen die festgehaltene Schulter- und Nackenpartie mehr Bewegung zu haben. Der Mensch beginnt also zu joggen – und weil ihm das so viel Spaß macht, auch kleine Marathons zu laufen. Ein ganz „normaler“ Vorgang – den wir auch ganz häufig erzählt bekommen. Und trotzdem geht irgendwann nichts mehr – denn das Knie tut weh. Und die Bandscheiben machen zu schaffen – von den Schultern ganz abgesehen, denn trotz „Sport“ haben sich die Beschwerden nicht gebessert. Wie gesagt, ein ganz normaler Vorgang – oder nicht?

Sichtbarkeiten – was arbeitet mit wem zusammen – oder auch nicht!

Der Körper sieht das ganz anders! Aus Sicht des Körpers hat der Mensch versucht, die Bewegungseinschränkung der Schulter – also eine vorliegende verzerrte Basis durch noch mehr belastende Bewegungen wieder auszugleichen. Der Körper hat die Bewegungsanreize über die Muskeln angenommen, und versucht, durch den Aufbau von weiteren Muskeln den Fehlbelastungen und Schädigungen der Gelenke und Wirbel Einhalt zu gebieten. Was vom Körper gut gemeint ist, stellt sich mit dem immer gleichbleibenden Bewegungsmuster des an sich sehr gesunden Joggens als fortschreitende Belastung des ganzen  Körpers raus.

Auch beim Pferd…

Dem Pferd geht es genauso – auf der verzerrten Grundstellung des Körpers beginnt eine unheilvolle, schleichende Schädigung – und zwar mit allem was der Mensch nun mit dem Pferd tut. Ob er klassisch reitet, oder springt – ob er das Pferd zusammenhält oder auseinanderfallen lässt – ob er das Pferd über Stangen treten lässt, oder es einfach auf der Wiese stehen lässt, alles geht für den Körper in eine falsche Richtung.

Aus welchem Grund auch immer, aber ist erstmal die Ausrichtung der Gelenk- und Wirbelflächen, die Position der einzelnen Knochensegmente oder die muskuläre Grundspannung – der Tonus gestört, so ist das gesamte physiologische Gleichgewicht des Pferdes gestört.

Die gute Nachricht

Was für den Körper ein schleichender, schädigender Weg über Muskeln, Muskelspannung, Muskelverhärtung, und viel zu hohem Muskeltonus ist, kann – wenn man den Weg umdreht, den Körper auch wieder in sein physiologisches Gleichgewicht bringen. Denn die Biomotorik findet in den Wirbeln und Gelenken statt.  Das bedeutet, dass nicht mehr die Muskeln  Bewegungsanreize bekommen müssen, sondern die Wirbel und Gelenke.

Glücklicherweise stellt uns der Körper die Anreize der Wirbel und Gelenke – die sogenannten spinalen Bewegungsanreize in Form der Primitivreflexe einfach so zur Verfügung.. Der Vorteil der Primitivreflexe ist, dass sie gleich in den Bewegungsarealen des Gehirns landen, und von dort in den Körper weitergeleitet werden. Mit den wunderbaren Primitivreflexen können wir das Pferd also da berühren, wo Bewegung stattfindet – in der Ursache. In der Wirbelkette.

Das Biomotorische Training für das Pferd

Was wir im Biomotorischen Training herstellen, ist deshalb die physiologische Bewegung in der anatomischen Grundposition des Pferdes. Nicht über die Muskeln sonder über die Wirbeln. Aus biomotorischer Sichtweise ist es für einen Körper ein gewaltiger Unterschied ob er den Kopf hebt, gehoben wird, oder sich selber von innen aufrichtet. Das „heben“ geschieht über die Muskeln, das „gehoben werden“ von außen und das von „innen aufrichten“ im Zusammenspiel mit den Organen.

Im Biomotorischen Training zeigt der Mensch dem Pferd was es kann –  und nicht was es nicht kann. Und natürlich muss er dabei mit gutem Beispiel voran gehen – denn er muss ja im Pferd das  Verlangen wecken, seine eigene Bewegung auszuführen- und nicht die Bewegung, die es bisher ausgeführt hat.

Wir müssen den Pferdekörper in SEINER biomotorischen Sichtweise abholen und nicht aus unserer Sicht – die unweigerlich zu Verzerrungen im Inneren des Pferdes führen würde. (vor allem, weil der heutige Mensch sich anders bewegt und deshalb auch anders fühlt – s.o.)Diese Sichtweise ist für viele der erklärende Schlüssel dafür, warum mit dem Pferd manchmal nichts mehr geht. Und das manchmal von einen Tag auf den anderen.

Was sind dann Primärreflexe?

Mit den Primärreflexen prägt der Körper seine Bewegungen aus. Einer der bekanntesten ist der Greifreflex – alle diese Primärreflexe müssen  vom Körper selber „abgearbeitet“ werden. Die Bewegungen entfalten sich dabei bei der ENTWICKLUNG nicht bei der AUSFÜHRUNG. Deshalb macht es aus biomotorischer Sicht gesehen keinen Sinn, dem Kind z.B. beim Laufen lernen zu helfen…im Gegenteil, der Körper verliert damit wertvolle Informationen die er nur aus seinen eigenen Lehrerfahrungen ziehen kann.

Ist der Fluchtreflex auch ein Primitivreflex?

Nein, denn der Fluchtreflex ist ein Verhaltensreflex. Die Primitivreflexe sind dagegen spinale Bewegungsanreize, die der Körper zur Bewegung verarbeitet. Beide landen allerdings im Stammhirn, das für die Reflexe zuständig ist – doch mit komplett unterschiedlicher Auswirkung, da beide mit dem Limbischen System – dem Wohlfühlbereich – „verschaltet“ sind. Würde der Fluchtreflex öfter ausgelöst werden, würde das Pferd immer unsicherer und ängstlicher werden, denn die Wahrnehmung unter Angst löst einen negativen Prozess im Körper aus.

Das Problem kann man bei De-sensibilisierungen beobachten, die das Gegenteil von Biomotorik sind, und bei denen das Pferd bewusst immer wieder mit Problemanreizen konfrontiert wird. Aus biomotorischer Sicht stärkt das nicht den Körper, sondern schwächt ihn. Der Körper muss über wiederholte Konfrontationen „erlernen“, wie er mit Ängsten, Problemen etc. – also mit dem was er nicht kann – umgehen muss.

Und die Primitivreflexe?

Die Primitivreflexe dagegen lösen spinale Bewegungsanreize aus. Der Primitivreflex ist eine spinale Streckung der einzelnen Wirbel der Wirbelkette und befreit den Durchfluss im Rückenmark – macht durchlässig. Das heißt aber auch, im Biomotorischen Training lernt der Pferdekörper das auszuführen, was er kann, und nicht was er nicht kann. Diese einfachen langsamen Bewegungen kann das mit seinem gesamten Körpersystem – einschließlich Wirbelkette – ausführen.

So hat das Nervensystem genug Zeit, um die Bewegungen aufzunehmen und abzuspeichern. Auf der Basis „ der Körper lernt, was er kann“ bekommt er immer mehr Zutrauen und Sicherheit zu sich selbst und baut AUF SEINER KÖRPERLICHEN GRUNDLAGE  alle kommenden, vielfältigen Bewegungsanreize und Bewegungsinformationen immer mehr aus, verfeinert und verbessert sie.

Was im Organischen Bereich ein wahres Feuerwerk an positiven Bewegungsinformationen lostritt, landet natürlich auch im Limbischen Bereich – der Effekt ist, das sich das Pferd mit jeder dieser einfachen Bewegungen wohler in seiner Haut fühlt, Bewegungen ausprobiert, lebendiger und dynamischer wird – sich durch die „innere Ruhe“ von seinen Bewegungseinschränkungen entbinden kann und mehr Aufmerksamkeiten und Kapazitäten für den Menschen frei hat.

Warum hebt das Pferd den Kopf beim Auslösen des Primitivreflexes?

Weil die anatomische Grundstellung nun mal der aufgerichtete Pferdekörper ist, und das Pferd sich damit in seinen Wirbeln für einen winzigen Moment streckt. Der Primitivreflex ist ein sogenannter „Lichtschalterreflex“, das heißt, das Pferd muss den Kopf nicht oben behalten, damit der Reflex seine durchlässige Wirkung hat.

Kann man die biomotorischen Bewegungen auf das Reiten übertragen?

Unbedingt -der Weg des Pferdekörpers ist damit durchlässig und geebnet für feinste Gewichtsübertragungen mit dem Menschen – ein feinmotorischer Körperaustausch ohne Hilfsmittel und Bewegungen, die den Körpern nicht schaden. Dann kann man getrost sagen, so wie der Mensch zum Pferd mit seinem Körper spricht, so antwortet das Pferd mit seinem Körper auf den Menschen.

 

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